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sh:z vom 13.03.2010


Von Andrea Paluch

Da saßen sie und soffen sich die Hucke voll. Und die Politiker redeten sich besoffen. Literweise Bier, rote Köpfe und ein Niveau, dass es der Sau graust. Das Ganze nennt man Aschermittwochsveranstaltung. Langsam aber sicher macht diese politische Tradition auch den Norden unsicher. Es soll wohl lustig sein, was dort geboten wird. Aber da dieses Theater nur eine Fortsetzung des allgemeinen Polittheaters ist, sind die Aschermittwochsreden ja nicht mal was anderes, sondern nur mehr vom Gleichen. Genau das ist meistens aber nicht lustig, sondern eher peinlich.

Und was ich nie verstanden habe, ist, dass dieses Affentheater ausgerechnet am Aschermittwoch stattfindet. Am Aschermittwoch, an dem doch alles vorbei sein soll. Insgesamt kann ich mit dem ganzen Karnevalskram gar nichts anfangen. Und spätestens seit ich einmal, als Norddeutsche vergisst man ja, dass es so was wie Jäcken gibt, unachtsam in Köln in einen Zug mit lauter grölenden, geschminkten, verschwitzten Narren gelandet bin, der wegen ständigem Getorkel an den Türen auch noch stundenlange Verspätung hatte, hasse ich es geradezu. Abgewinnen jedoch kann ich dem Gedanken des Fastens etwas. Sogar ganz viel. In einer Gesellschaft der Verschwendung und des – trotz der gestiegenen Armut – Wohlstands ist Verzicht zu üben eine Tugend. Jedenfalls ist es eine unbekannte Erfahrung. Denn was sich ja in den letzten Jahrzehnten verändert hat, ist genau diese Beziehung: Armut wird durch Verschwendung kompensiert. Die ehemaligen Luxusgüter – Schokolade, Süßigkeiten, Alkohol, Fernseher, Handy – sie sind heute allgegenwärtig und vergleichsweise preiswert zu bekommen. Während Obst und Gemüse, Schwarzbrot und guter Käse richtig Geld kosten. Mit Bedacht essen muss man sich also leisten können. Kochen ist von einer Grundbeschäftigung zu einem Hobby geworden und Fasten ist ein Luxus. Aber es ist ein Luxus, den sich eigentlich jeder leisten kann. Eine Zeit des Weniger in der Übergangszeit zwischen dem kalten Matschwetter und dem Frühling, das wäre eine Bereicherung. Es wäre vielleicht eine Zeit der Besinnung. Und diese Zeit beginnt mit dem Aschermittwoch. Hallo, Politiker, sie beginnt da. Der Aschermittwoch ist der erste Fastentag, nicht der Höhepunkt des Komasaufens. Dass das vergessen wurde oder nie gewusst oder bewusst verfälscht, das sagt etwas über das politische Bewusstsein aus. Und nichts Gutes! Und ausgerechnet das katholische Bayern macht mit, statt mit gutem Beispiel voran zu gehen. (Wenn ich dort auf Lesereise bin, wundere ich mich immer wieder über die Kruzifixe in jedem Klassenraum und die Fotos der Bundespräsidenten an den Wänden. Glaube als Obrigkeitshörigkeit zu interpretieren ist jedenfalls nicht meine Art zu glauben). Aschermittwoch bedeutet Einkehr. Er stammt nämlich vom Brauch, den Gläubigen eine Aschekreuz auf die Stirn zu zeichnen aus der Asche der verbrannten Palmenzweige des Vorjahres. Dann beginnt die Fastenzeit als Erinnerung an Jesu Fasten in der Wüste. Aschermittwoch, das ist der Beginn einer Zeit der Buße. Die Politiker jedoch, die da laut rumkrakeelen, haben da wohl was falsch verstanden. Es geht um Selbstbuße, nicht darum, andere büßen zu lasten. So jedenfalls gewinnen die Politiker keine Sympathien bei mir. Und je lauter sie schreien, desto weniger höre ich ihnen zu. Eine würdige Aschermittwochveranstaltung wäre eine des Politikfastens.