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sh:z vom 21.03.2009


Von Andrea Paluch

Ich ziehe Handball-gucken Fußball-gucken aus drei Gründen vor. Zum einen ist es deutlich spannender, fallen die Tore gegenüber Fußball fast im Faktor eins zu acht (eigene Hochrechnung) und meistens sind sie auch noch mit einer körperlichen Akrobatik verbunden, die wirklich bewundernswert ist. Zweitens finden die Weltmeisterschaften und Europameisterschaften beim Handball deutlich häufiger statt als beim Fußball. Drittens ist es lehrreicher. Und das meine ich im sprachlichen Sinn. Mein Lieblingsspruch bei Fußballübertragungen ist: „Der Pfosten hat gerettet“, als ob ein Pfosten sich bewegen könnte oder tatsächlich tätig eingreifen kann. Ein Pfostenschuss ist ein Schuss am Tor vorbei. Der Rest ist eine Verschönerung des Scheiterns. Diese aber wird im Handball noch überboten, indem ich bei einer Reportage jungst den schönen Satz aufschnappen durfte: „Knapp vorbei getroffen.“ Das ist um so sehr viel mehr verständnisvoller gesagt als „Kann der Typ nicht zielen?“ „Vorbei“ ist das eine, „getroffen“ das andere. Beides zusammen ist eine neue Logik – und zwar eine, die sich durch die ganze Handballsprache zieht. Schön zum Beispiel der Ausdruck „technischer Fehler“. Er meint, dass einige Spieler den Ball einfach nicht fangen können. Ich hab zuerst gar nicht versanden, dass der Sachverhalt so simpel war. Bei „technischem Fehler“ hab ich an etwas ganz Kompliziertes gedacht, mindestens einen Schrittfehler, vielleicht aber auch an die mangelhafte Ausführung eines bestimmten Tricks. Wenn beim Eiskunstlauf – eigentlich meine Lieblingssportart – jemand hinfällt, nennt man das Sturz. Wenn ein Handballspieler aber den Ball nicht fängt, dann sagt man: technischer Fehler. In diese Logik passt, dass erfolgreiche Abschlüsse von Tempogegenstößen „einfache Tore“ genannt werden, wobei die Verlustquote bei weiten Pässen übers Spielfeld ungefähr die höchste sein dürfte und die Tore, die trotzdem fallen, zu den schwierigsten und schönsten zählen. Vielleicht spielen meine Jungs ja deshalb so gern Handball. Vielleicht lässt sich das ja auch zuhause anwenden. Wenn jemand einen Teller fallen lässt, dann sage ich in Zukunft nicht: Pass doch auf!, sondern, O, ein technischer Fehler. Wenn jemand mit sieben Fehlern im Diktat nach hause kommt, dann war es nicht mangelnde Konzentration oder einfach nur, dass er schlecht war, sondern technisches Rechtschreibeversagen. Klingt ja netter. Noch netter klingt allerdings „progressiv bestrafen“. Es bedeutet wohl, dass man drei mal zwei Minuten Zeitstrafen bekommt, bevor man rausfliegt, es bedeutet, dass die Schiedsrichter nicht gleich mit der Höchststrafe ansetzen, sondern erstmal reden und verwarnen und dann jemandem die gelbe Karte zeigen, es bedeutet im Grunde, dass Strafen relativ eingesetzt werden. Und das bedeutet auch, dass es keine klaren Grenzen gibt, sondern nur eine Strategie. Wenn mir also demnächst einmal der Geduldsfaden reißen sollte, dann werde ich zweimal durchatmen und sagen, ganz ruhig, du musst progressiv vorgehen. Nicht einfach schimpfen, es muss immer noch Luft nach oben bleiben, dass du noch schlechtere Laune kriegen kannst.
Das letzte Handballspiel, das wir sahen, war ein fürchterliches Gerupse und Geschubse. Den Männern um mich herum hat es gut gefallen. Bis dann die Schiedsrichterentscheidungen immer merkwürdiger wurden. Oder soll ich sagen, „progressiver?“. Jedenfalls ließen sie viel Raum für Interpretationen und für Luft nach oben. Und schließlich schied Deutschland, da waren sich alle einig, wegen der Schiedsrichter aus. Und ich frage mich, ob die Handball-Noblesse des „knapp vorbei getroffen“ und der „technischen Fehler“ wirklich so ein Fortschritt ist. Ob nicht einfach vorbei vorbei sein sollte und einen Ball nicht zu fangen einfach nur schlecht. Und ob eine Strafe nicht taktisch sondern ehrlich gegeben werden sollte. Wer jedenfalls ständig um den heißen Brei herumredet, darf sich nicht beschweren, wenn das Essen kalt wird.