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sh:z vom 10.01.2009


Von Andrea Paluch

Zu den Geschichten, die mir immer etwas mehr bedeuteten als ihr literarischer Eigenwert ausmachte, gehörte Marco Polos Reisebericht aus China („Das Buch von den Wundern der Welt“). Das war Ausbruch und Aufbruch in die Ferne, die Idee, einfach loszulaufen, auch noch ausgerechnet von Venedig aus, der romantischsten aller Städte, dann nicht über die ausgetretenen Wege des alten Europas, sondern gen Osten über die pfadlosen Steppen Kleinasiens, entlang der Seidenstraße, quer durch die Länder, die auf –tan enden, hinein in das Herz Asiens. Das war ein Leben, das mir stets vorbildhaft schien. Nach der Schule prüfte ich ernsthaft, die Strecke Marco Polos nachzureisen – am liebsten mit dem Rad. Die Idee scheiterte dann schnell an den diversen Kriegen und Konflikten entlang des Wegs, von der zusammenbrechenden Sowjetunion über den ersten Irak-Krieg bis zu den War-Lords in Afghanistan. Aber war es für Marco anders gewesen? Auch da gab es Mord- und Totschlag, gab es Wegelagerer und kriegerische Wüstenräuber. Der Unterschied war höchstens, dass er das alles nicht wusste und auf Gratewohl losspaziert ist. So dachte ich. Und jetzt das: Forschungen haben gezeigt, dass es sehr wohl bereits Informationen über China gab, Berichte von Händlern, die Händler kannten, die am anderen Ende der zwei bis drei Jahre dauernden Reise losgegangen waren. Und nicht nur das: Der Verdacht ist mehr als erhärtet, dass Marco Polo nie in China gewesen ist. Er nährt sich erstens daraus, dass er selbst in keiner chinesischen Quelle genannt wird, während sonst alles Mögliche in der Hofberichterstattung Erwähnung findet. Und er nährt sich daraus, dass im Bericht Polos viele kulturelle Unterschiede nicht erwähnt werden, die eigentlich Erwähnung hätten finden müssen, zumindest aber die chinesische Mauer oder aber die chinesische Schrift selbst. Stattdessen, so scheint es, hat Polo zusammengeschrieben, was die damalige Welt Europas über China so ungefähr wissen konnte. Recherche statt Reise. Also war Polo nur ein Hochstapler, ein Geschichtenerzähler. Ob das stimmt, keine Ahnung. Nach dem ersten Schock, dass das Ideal meiner Reiselust, die Metapher für Mut und Aufbruch eine Lüge sein könnte, begriff ich die höhere Bedeutung des Ganzen. Dass ein Geschichtenerzähler über die Nicht-Erwähnung von Schrift (der chinesischen) entlarvt wird, ist ein schönes Bild. Es zeigt, dass man beim Schreiben vergessen lassen muss, dass man schreibt. Und es zeigt, dass gute Literatur nicht zwingend mit Realität zusammen fällt. Gute Geschichten müssen richtig erzählt werden, sie müssen nicht zwingend richtig erlebt werden. Karl May war nie in der weiten Prärie, J.J. Tolkien hat nie im Auenland oder in Gondor gelebt und auch ich war nie in Afrika und schrieb doch einmal einen Roman über den Aufstand gegen die deutsche Kolonialmacht im heutigen Namibia. So gesehen besteht die eigentliche Leistung Polos gar nicht darin, dass er tatsächlich 17 Jahre in China lebte, sondern darin, dass er die ganze Welt hat glauben lassen, es könnte so gewesen sein. Ich bin nie Weltenbummlerin geworden, dafür Schriftstellerin – und so bleibt Polo mein Ideal.