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sh:z vom 22.08.2009


Von Andrea Paluch

Der Ruhm eines Schriftstellers oder einer Schriftstellerin ist schwierig zu bemessen. Da sind natürlich die Verkaufszahlen – und wer wollte nicht gern reich sein oder auf der Spiegel-Bestsellerliste ganz oben stehen. Allein dafür, so scheint’s, muss man von Vampiren oder Zauberschülern schreiben. Und die interessieren mich nun leider gar nicht. Dann gibt es natürlich die Rezensionen in Zeit, Süddeutsche, FAZ oder dem Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag, die zwar die Öffentlichkeit fördern, aber eher nicht umsatzrelevant sind. Gute Besprechungen geben einem ein gutes Gefühl – aber Kafka, Hölderlin, Novalis, Lenz… sie alle waren Größen, ganz ohne Anerkennung zu Lebzeiten. Also der Nachruhm? Ist er es, der über den Ruhm eines Schriftstellers entscheidet? Vielleicht, aber wenn ich tot bin kann ich mir vom Nachruhm auch nichts mehr kaufen. Nein, es gibt ein anderes Kriterium, ein unabweisbares. Und das ist: Im Zug jemanden zu treffen, der ein Buch von einem liest. Wenn das passiert, dann hat man es geschafft. Leider ist mir das noch nie passiert. Nur meine Mutter will einmal jemanden getroffen haben, der ein Buch von mir am Tisch gegenüber von Hannover nach Hamburg gelesen hat. Aber leider handelte es sich um eines meiner Bücher, das sie gar nicht mag (vermutlich wegen einer etwas brutalen Szene, Eltern sind da ja manchmal etwas komisch, wie ich als Mutter nun bestätigen kann). Vermutlich deshalb hat sie mir diese kleine Anekdote so vernuschelt und verhuscht vorgetragen, dass meine Ruhmsucht nun wirklich nicht bedient wurde. Ich muss also weiter warten… Allerdings saß mir neulich eine Frau gegenüber, die diese Kolumne las (nicht diese natürlich, sondern eine ihrer Vorgängerinnen). Eine Kolumne - auch nicht schlecht, dachte ich mir. Ich beobachtete sie. Und ich fand, es dauerte ganz schön lange, bis sie fertig war. Und dann schaute sie sehr lange aus dem Fenster. Entweder hatte ich sie nachdenklich gemacht oder die Kolumne war so schlecht geschrieben, dass sie lange darüber nachdenken musste, was wohl die Pointe sein sollte. Leider weiß ich das auch nicht mehr. Und leider kann ich die Wahrheit nicht überprüfen.
Als ich die Woche drauf mit meinen Kindern unterwegs war und in Neumünster umsteigen musste – wenn ich mal einen Wunsch in diesem Leben frei habe, dann werde ich mir wünschen, dass niemand mehr in Neumünster umsteigen muss! – sprach mich ein Mann mit meinem Namen an und fragte, ob ich die Kolumnenschreiberin sei. Er sagte noch ein paar sehr nette Dinge und zog dann seinen Rollkoffer weiter. Als ich mich umdrehte, starrten meine Jungs mit offenem Mund. „Bist du eigentlich berühmt, oder was?“, fragte sie, offenbar schwer beeindruckt. Und ich hätte ihnen in diesem Moment wahrscheinlich alles verkaufen können. Winkte aber ab. „Quatsch. Ich hab noch nie jemanden im Zug getroffen, der meine Bücher liest.“ Und ich war mir eigentlich schon während der netten Ansprache des Herren sicher, dass er mich nur erkannt hatte, weil ich die Kinder dabei hatte. Dafür jedoch habe ich ein neues Kriterium für den Ruhm einer Schriftstellerin gefunden. Man hat ihn, wenn die eigenen Kinder einen fragen, ob man berühmt ist. Einen Einwand gibt es natürlich auch hier: Kafka, Hölderlin, Novalis oder Lenz, sie alle hatten keine Kinder. Hm. Was bleibt ist die Moral, dass Ruhm sehr relativ ist – wie alles, was rühmlich ist.