Textversion

Suchen nach:

Allgemein:

Startseite

sh:z vom 27.02.2010


Von Andrea Paluch

Eine mir sehr nahe stehende ältere Dame überraschte mich neulich mit einem sehr grundsätzlichen Satz. „Ich verstehe die neue Zeit nicht mehr.“ Das war etwas fundamental anderes als ähnliche Sätze wie „Früher war alles besser“, „Die Jugend von heute ist auch nicht mehr, was sie mal war“. Die nämlich zeigen mit dem Finger auf die Gegenwart. Sie weisen sozusagen Schuld zu. Am besten (und literarisch anspielungsreichsten) hat dieses Jammern über Veränderung einmal der amerikanische Schriftsteller Robert Harris zusammen gefasst. „Die Leute beschweren sich über den moralischen Verfall, seit Shakespeare anfangen hat, Komödien zu schreiben.“ Shakespeares Komödien gehören bekanntlich zum Besten, was die literarische Vergangenheit so zu bieten hat.

„Ich verstehe die Zeit nicht mehr“ – das ist ein Satz voll Kummer, ein Satz ohne Klage. Ein Satz, der nüchtern feststellt, dass heute eine Sprache gesprochen wird, die diejenigen, deren Kinder vor zwanzig Jahren ausgezogen sind, kaum noch verstehen können. Und ich meine nicht Slang und Jugendsprache. Ich meine, dass Worte wie Chat oder Internet-Community oder flash mob tatsächlich eine andere Wirklichkeit beschreiben. Mit dem PC oder dem Internet hantieren inzwischen auch Rentenbezieher einigermaßen selbstverständlich. Sie verschicken E-mails oder tippen ihre Steuererklärung bei Elster ein. Aber für die fünfzehn bist fünfundzwanzigenjährigen ist das Internet eine andere Kommunikationsform. Sie leben darin, sie verlieben sich dort, sie sprechen eine codierte Sprache, die man außerhalb nicht mehr versteht, sie haben einen anderen Freiheitsbegriff und eine andere Kulturauffassung. Das macht mich manchmal ratlos. Aber wie soll es erst meiner älteren Freundin gehen, die noch nicht mal einen PC hat?

Die Umfragen vor Wahlen gehen übrigens deshalb so oft in die Irre, weil von den Meinungsforschern stets nur Leute auf dem Festnetz angerufen werden, die meisten unter 30 aber gar keinen Festnetzanschluss mehr haben, sondern nur noch „mobil“ unterwegs sind. Das ist nur eine Randbemerkung. Die Hauptbemerkung über den vergangenen Wahlkampf ist, dass offensichtlich so mancher Berichterstatter so fremd vor der neuen politischen Wirklichkeit stand, dass er nur noch mit Kopfschütteln im besten Fall und mit Hass im schlimmsten reagieren konnte. Der Blues, der mich so oft bei politischen Auftritten überkommt, hat viel mit dem Typus Politiker zu tun, der immer laut Basta ruft, der nie zuhören will, nichts riskieren, weil er sich hinter Phrasen versteckt, und Macht immer nur verwaltet und nicht gestaltet. Aber hier und da gab es diesmal parteiübergreifend neue Politikertypen. Ihre vermeintlichen Schwächen werden die zukünftigen Stärken sein. Ihre Nachdenklichkeit statt Großmäuligkeit wird darüber entscheiden, ob politische Parteien bestehen können. Koalitionsfähigkeit wird von Kommunikationsfähigkeit abhängen, nicht vom Auf-den-Tisch-hauen. Nicht mehr Alter, Mainstream und Körperfülle stehen für Autorität, sondern andere Erfahrungen, Außensichten, Individualität. Längst ist ein anderes politisches Spitzenpersonal mehrheitsfähig geworden. Auffällig war jedoch, dass eine überkommene Generation von Journalisten sich die Alten zurückwünschte und den Aufbruch verfluchte. Die Einsicht meiner alten Freundin bewundere ich. Und ich hoffe, dass meine Kinder einmal nachsichtig mit mir sind, wenn ich ihre Welt nicht mehr verstehe.