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sh:z vom 03.01.2009


Von Andrea Paluch

Nehmen Sie die hektischste südosteuropäische Stadt, die Sie sich vorstellen können. Autos sind quer über den Bürgersteig geparkt, Mofas halten sich an keine Verkehrsregeln, die Häuser sind so hoch und die Straßen so eng gebaut, dass kein Licht hinein fällt (was aus Sicht der Bewohner auch Sinn macht, denn die Sonne in diesem Land brennt mörderisch). Hundekot hat den Weg vermint und Kinder scheint es in dieser Stadt nicht zu geben, genau wie Spielplätze. Noch nicht einmal öffentliche Plätze, Kirchentreppen, Rathausstufen – nirgendwo gib es einen Ort, wo man verweilen kann, Pause machen, spielen. Stellen Sie sich eine kinderreiche deutsche Familie dazwischen vor. Die Eltern doppelt gestresst, weil sie sich verlaufen haben und weil sie aufpassen müssen, dass ihnen die Kinder in dem Gedränge und Geschiebe nicht abhanden kommen. Die Kinder enttäuscht, weil die versprochenen antiken Bauten nicht zu betreten waren und deshalb alle Träume von nachgestellten Schlachten, Gladiatorenkämpfen, Morden an Tyrannen Träume blieben. Jetzt wäre ein Park fein, eine Ecke ohne Autos, wo die Eltern einen Kaffee kriegen würden, die Kinder ein Eis, wo sie sich Stöcke sammeln und ihre Aggressionen ritterlich miteinander austragen könnten. Doch die Cafés sind ausschließlich von Männern besetzt. Und auch wenn es kein Schild gibt wie für Hunde in Deutschland: Frauen müssen hier draußen bleiben. Also ziehen wir weiter. Mit müden Beinen und dem Kopf so leer wie der Magen. Da öffnet sich plötzlich die Straße. Genauer, sie ist gesperrt. Die Häuser links und rechts sind baufällig, Autos kommen hier nicht rein. Und am Ende der Straße ist ein Café, die Stühle stehen draußen, die Abendsonne scheint durch eine Baulücke herein, eine rote Stehlampe, die jedem spießbürgerlichen Wohnzimmer Ehre gemacht hätte, steht auf der Straße. Wir setzen uns. Nur wenige Leute sind da. Und endlich: beiderlei Geschlechts. Die Stimmung ist offenherzig, die Bedienung lacht und schenkt den Kindern Eis. Die Kinder danken es ihr durch lange Gespräche in einem Kauderwelsch, dass nur sehr gutwillige Menschen entziffern können. Wir prüfen schnell, ob die Gäste von dem Gewusel genervt sind - sind sie nicht. Sie freuen sich über vier blonde Köpfe. Wir bestellen viel zu viel Essen vor Glück.
Auf dem Weg zurück, als wir unser Glück preisen, in dieser riesigen Stadt ausgerechnet dieses rote Stehlampen-Café gefunden zu haben, kommen wir auch zu einer Erklärung. Es war eine Schwulen-Lesben-Kneipe. Und diese war, weil sie nicht nach den Macker-Macho-Regeln funktioniert, für eine Familie mit Kindern ein Rückzugsraum. Wer glaubt, dass das paradox ist, dem seien die Studien des Wissenschaftlers Richard Floridas empfohlen. Er zeigt anhand amerikanischer Großstädte, dass Städte mit einem besonders hohen Anteil Homosexueller diejenigen mit der größten wirtschaftlichen Prosperität sind, der jüngsten Bevölkerung, den meisten Kreativen. Zuerst sind es Frauen, die diese Viertel aufsuchen, weil sie dort nicht belästigt werden. Und die Frauen bringen dann Männer oder Kinder oder beides mit sich. Oder aber man macht die Probe aufs Exempel und sucht sich den nettesten Stadtteil einer beliebigen europäischen Großstadt. Es wird vermutlich einer sein, in dem Autos, Mopeds und Gedrängel nicht viel gelten, in dem sich Familien wohl fühlen können. Und in dem vielleicht eine rote Stehlampe auf der Straße steht.