Textversion

Suchen nach:

Allgemein:

Startseite

sh:z vom 21.11.2009


Von Andrea Paluch

Die Lücke im Vormittag, Mann weg, Kinder in der Schule, Haus so weit in Ordnung, Post abgearbeitet, Garten – schiebe ich. Ich schnappe mir meine Gitarre und steige ins Auto. Geschenkte zwei Stunden für eine Bandprobe, für Musik, für mich – ich telefoniere die Band zusammen und springe los. Ich zwinge mich auf der Fahrt in die Stadt, nicht schneller zu fahren, als es die Polizei erlaubt. Aber schon am Ortsschild sehe ich, dass ich nicht die einzige bin, die sich an diesem Vormittag aufgemacht hat. Es ist voll. Stoßstange an Stoßstange. Ich fluche Kolumnen ungeeignete Flüche. Jetzt bin ich langsamer, als die Polizei erlaubt. Schlimmer, ich bin zu langsam für meine Verabredung. Dann endlich ein erster Parkplatz. Ich biege ein, durchkurve ihn. Voll bis auf den letzten Platz, keine Lücke. Wieder zurück in die Blechlawine, wieder warten, weiter zu spät. Dann der nächste Parkplatz. Beim dritten habe ich Glück. Ich finde eine kleine Lücke und parke rückwärts seitwärts ein, schnappe mir meine Gitarre und springe aus dem Auto. Es ist ein Parkplatz, auf dem man ein Parkticket ziehen muss. Ich lehne die Gitarre an den Kofferraum und laufe zum Automaten. Es dauert seine Weile, bis ich kapiert habe, wie teuer zwei Stunden sind, von denen die erste schon fast abgelaufen ist. Ich drücke die Tasten und suche mein Geld. Ich finde es nicht. Der erste Schock. Ich rekapituliere, was bisher geschah. Bei meinem spontanen Aufbruch muss ich mein Portemonnaie zuhause liegen gelassen haben. Obwohl ich weiß, dass ich geldlos bin, springe ich ins Auto zurück und wühle das Handschuhfach durch, die Türablage, schaue unter die Sitze. Weder finde ich mein Portemonnaie noch Kleingeld. Ich öffne die Tür, halbes Bein schon auf dem Bürgersteig. Ich bin bereit, den Parkplatz um seine Zeche zu prellen, Hauptsache ich komme jetzt endlich zu meiner Band. Aber dann fällt mir ein: Was ist, wenn sie das Auto abschleppen. Ist zwar schwierig in der engen Parklücke, aber als ich noch in Hamburg lebte, gehört das zum täglichen Spektakel, dass die Polizei Autos mit Kränen aus den engsten Parklücken hob. Und dann wäre mein Auto weg und ich käme nicht nach Hause und die Kinder würden sich Sorgen machen oder das Chaos ausbrechen (Mütter neigen dazu, ihre Kinder zu unterschätzen – oder überschätzen, wie man’s nimmt). Sicher, dachte ich, gibt es noch einen kostenlosen Parkplatz. Zündschlüssel rausgekramt, Zündschlüssel rein, Motor an. Ich lege den Gang ein und setze zurück. Leute winken. Kenne ich die? Ich lasse die Kupplung kommen. Der Wagen rollt, die Leute winken, etwas rutscht den Kofferraum entlang. Und zum zweiten Mal durchfährt mich siedendheiß der Schock der Erkenntnis. Die Gitarre. Und da höre ich sie schon, als das Auto darüber fährt. Ich steige auf die Bremse, rolle wieder nach vorn. Obwohl vor Schreck gelähmt steige ich aus, sehe mein Instrument im Staub. So richtig scheine ich sie nicht erwischt zu haben. Ich packe sie aus, ein Holzstückchen fällt mir entgegen, aber keine kompletten Trümmer. Die Bandprobe kann ich vergessen. Nun endgültig. Einer der Winker tritt zu mir heran. „Na junge Frau, wo haben Sie denn ihren Kopf…“ Das hätte er vielleicht nicht sagen sollen, denn plötzlich denke ich das erste Mal am Tag klar. Wenigstens die Gitarre will ich noch zur Reparatur bringen, damit diese Fahrt nicht völlig umsonst war. Und ob Schock oder Panik die Motive sind, ich antworte ihm entschlossen: „Verzeihen Sie, könnten Sie mir einen Euro für die Parkuhr geben?“ Er ist so verblüfft über meine Frage wie ich, zieht sein Portemonnaie heraus und gibt mir einen Euro. „Können Sie mir ja wiedergeben, wenn man sich noch mal sieht“, sagt er. Ich schmeiße das Geld in den Automaten und zwinge mich, daran zu denken, das Ticket auch mitzunehmen und einzulegen. Dann stiefle ich los und bringe die Gitarre in die Werkstatt.
Als ich nach Hause komme, ist mein Mann da, früher als angekündigt, auf Männer ist auch kein Verlass mehr, grinst, umarmt mich und sagt: Hättest dir ruhig Zeit lassen können und länger proben.