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sh:z vom 07.08.2010


Von Andrea Paluch

Ich habe mich daran gewöhnt, dass Sachen – Kleindungsstücke – die ich in meiner Jugend todschick fand und für die ich mich später schämte, inzwischen wieder Mode werden. Leggings in Stiefeln, ärmellose T-Shirts, Jeans mit künstlichen Löchern und Schlag. Kotletten bei den Männern. Offenbar stehen wir kurz vor der Rückkehr von schultergepolsterten Jacketts, Karottenhosen, Dauerwellen und Oberlippenbärten bei den Männern (unrasiert, also drei-tage-bärtig ist ja eh in. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob es sich da um Modebewusstsein handelt oder um Faulheit. Dass heißt, schließe ich von einem mir gut bekannten Mann auf andere, dann ist es die Verklärung von Faulheit zu Mode.) Aber nicht nur in Kleiderdingen erleben wir die Rückkehr lang verdrängter und aus den Augen verbannter Gegenstände. Braune Kacheln sind plötzlich wieder schick. In Internetkatalogen gibt es die scheußlichsten Mustertapeten als Designerstücke für unfassbares Geld. Die Trainingsanzüge sehen wieder aus wie die Trainingsanzüge meiner Kindheit, sogar die Farben sind wieder gleich und dieser neumodische Blouson-Schnitt ist passé. (Einer, der Faulheit zur Mode erklärt, hat seine Trainingsanzüge stoisch immer weiter getragen. Man konnte ihm schweißabweisende oder schweißaufnehmende Laufshirts, winddurchlässige oder abweisende Thermojacken oder atmungsaktive Hosen schenken, stets trabte er in seinem alten Trainingsanzug zum Joggen. Aber jetzt ist er ihn los – übernommen und abspenstig gemacht von einem jungen Mann, 26 Jahre jünger und schon genau so groß und stets informiert, was gerade angesagt ist. Und das sind offenbar 30 Jahre alte Trainingsanzüge.) Die letzten zehn Jahre waren Umhängetaschen der letzte Schrei, so coole Fahrradkurier-Taschen (ich habe auch eine). Aber neulich schaute ich von oben in die Fußgängerzone und entdeckte die Rückkehr der Rucksäcke. Und etwa genau so lange wie die Rucksäcke gab es Schlüsselbänder. Man kriegte sie überall, als Werbegeschenke, wenn man für die Tombola des Schulsommerfestes zur Bank ging, alle, aber auch alle politischen Organisationen verschenkten sie, meine Kinder, die alles sammeln, haben eine ganze Kiste voll dieser Bänder, die einen Karabiner oder Haken haben und an die man alles baumeln kann, oft irgendwelche Einlass- oder Teilnehmer-Karten. Politiker haben sie zum Beispiel immer auf Parteitagen um den Hals hängen. Jedes Mal muss ich lachen. Sie sehen aus, wie mit Preisschildern bei einer Tierzucht oder wie mit Rabattpreisen beim Sommerschlussverkauf versehen. Aber immerhin: Hängt ein Schlüssel an so einem Band, verliert man ich weniger schnell, als wenn er nicht dran hängt. Und so wurden diese Bänder von vielen Menschen als Schlüsselband benutzt. (Nur der Faulheit-zur-Mode-Spezi steckt die Schlüssel immer noch in die Hosentasche, obwohl gerade er mit dieser Parteitags-Rabbatier-Aktion so seine Erfahrungen hat.) Aber auch die Zeit der Schlüsselbänder ist überkommen. Auf dem Vormarsch sind die Schlüsselmäppchen, kleine Kunstledertaschen, die man eigentlich nur noch zu sehen bekommt, wenn man sich ein neues Auto kauft. Und die in zurückliegenden Jahrzehnten für alles Mögliche verwandt wurden – Börse für das Kleingeld aus dem letzten Dänemarkurlaub, Sack für Reißzwecken, Schutz für Walkman-Kopfhörer, nur nicht als Schlüsselmäppchen. Und jetzt sah ich an einem Tag drei Menschen sie benutzen. Alle drei waren Männer. Einer davon hatte offenbar die Konsequenz aus dem ewigen Gesuche nach seinen Hosentaschenschlüsseln gezogen. Aber Tatsache ist: Nicht einer hatte noch ein Schlüsselband. Fehlt nur noch, dass sie Oberlippenbärte und Schulterpolster tragen, dann sehen sie aus wie Männer aus meiner Jugend. Mode ist eben offenbar nicht nur Geschmacksache, sondern auch eine Schlüsselfrage.