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sh:z vom 30.01.2010


Von Andrea Paluch

Irgendwie gehört es sich, wenn der Winter einmal richtig kommt und über die Feiertage bleibt, eine Kolumne über den Schnee zu schreiben. Über seine Reinheit, über die Winterfreuden, über Schlittenfahrten und den Versuch, mit Skiern in Schleswig-Holstein was anzufangen, über Frostbacken, Glühweinhände, kalte Füße, heiße Herzen. Aber eine Kolumne über den Schnee, das ist ungefähr so, wie ein Lied über Weihnachten. Und wer hätte sie nicht schon am ersten Tag über, an dem uns die Sender mit ihnen beglücken, jenen „Last Christmas“, „Do they know it’s Christmastime“, „Driving home for Christmas“ und „Santa Claus is coming to town“ Schnulzen. Ich kann gar nicht sagen, dass ich sie alle doof finde. Ich finde ja auch Schnee nicht doof. Aber über ihn zu schreiben und sich über die Lieder zu freuen, gar mitzusingen, heißt ein Klischee bedienen. (Ich hoffe nur, ich habe nicht vor einem Jahr eine Schnee-Kolumne geschrieben…). Und so, als ich mich nun am Abend (die Familie schaut den großen Wochenendfilm) an den Laptop setze, regnet es bei grauen vier Grad. Draußen wird der Schnee zu Matsch, von den Dächern tropft es wie aus einem Topf überkochendes Nudelwasser. Es ist ein Wetter, in das man buchstäblich keinen Hund raus jagend würde. Und so liegen unsere Katzen vor dem Kamin und träumen vermutlich davon, sich ebenfalls zu der versammelten Familie auf das Fernsehsofa kuscheln zu können – aber das wurde vor Weihnachten bezogen und ist für sie tabu. Rausgehen werden die Katzen, wasserscheu und allergisch gegen kalte Pfoten, heute ebenfalls buchstäblich nicht. Also Schneematsch. Über Schneematsch gibt es weder Lieder noch Gedichte. Das hat jedenfalls meine Suchanfrage im Internet ergeben und auch in meiner näheren Umgebung kennt keiner eines. Auf den ersten Blick wenig überraschend. Da gibt es weder das Weiß der Unberührtheit, die Klarheit der Luft, das Zudecken von „Kummer und Harm“. Auf den zweiten Blick eine echte Marktlücke. Wann sonst könnte man so wunderbar sein Haus besingen, sein Wohnzimmer, den Wochenendfilm, die Katzen, das Sich-gemütlich-machen. Vielleicht passt kein Glühwein zu Schneematsch, aber Winterbock, stark und mild, das passt. Und wer will schon Reinheit, wo doch das Leben im Wesentlichen darin besteht, das große Kuddelmuddel irgendwie auszuhalten und zu gestalten? Matsch, das ist der unklare Übergang von einem Zustand in einen anderen, das ist weder fest noch flüssig, sondern was dazwischen, das ist nicht mehr Winter und noch nicht Frühling, Matsch, das ist der Kompromiss als Wetter. Und deshalb vermutlich gibt es keine Lieder über ihn. Wer feiert schon den Kompromiss? Der Kompromiss hat einen schlechten Ruf. Und zu Unrecht, wie ich finde. Denn er bedeutet den Ausgleich von Interessen. Und warum sollte man sich dafür schämen, möglichst vielen Leuten ihren Willen zukommen zu lassen? Klar, das klingt danach keine eigene Meinung zu haben oder es allen Recht machen zu wollen. Aber sind denn die Schneemänner vorzuziehen, die immer alles besser wissen, die unverrückt und festgefroren mit ihren Mohrrübennasen dastehen und stets in die gleiche Richtung zeigen? Dann doch lieber Tauwetter, dann doch schmelzende Köpfe und nasse Füße und die Endlichkeit statt Ewigkeit und falscher Reinheitsgebote. Ein Loblied über den Schneematsch, das wäre ein Lied vom Leben, von seinen Übergängen und dem kleinen Glück, wenn man etwas erreicht hat.