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sh:z vom 20.03.2010


Von Andrea Paluch

Ich kam von einer Nachmittagslesung nach Hause. Eine Eisfahrt durch Schneetreiben. Irgendwie unwirklich, so nah an Zuhause zu sein und doch getrennt durch die materielose Welt des Winters. Einfahren über den Schneewall am Straßenrand, parken vor dem Schuppen, aussteigen und aufpassen, dass man auf dem vereisten Weg nicht ausrutscht. Dann das vertraute blaue Flimmerlicht des Fernsehers.

Ok, die Winterolympiade lässt mich relativ kalt. Das liegt vermutlich daran, dass sie alle Männer um mich herum kalt lässt. Gegenüber den sonst bevorzugten Mannschaftskampfsportarten ist Skispringen wirklich langweilig, beim Biathlon wird nicht zurückgeschossen und beim Eishockey, dem einzigen Wintersport, wo Tore fallen, sind die Deutschen zu schlecht. Früher schaute ich ganz gern Eiskunstlaufen. Aber der Hohn und Spott der Kampfsportfanatiker um mich hat mir die Freude daran verdorben. Und wenn die mitgucken, dann muss ich mit dummen Machosprüchen leben und im Grunde lauern alle nur darauf, dass eine Eisprinzessin auf ihren Strumpfhosenpo fällt. Und wird sie einmal hochgeworfen, rufen freche Mäuler: „Lass sie fallen!“

Neulich aber stieß ich auf eine Horde vor dem Fernsehen, die die Wiederholung der Rodelausscheidungen gebannt verfolgte. Und da, das muss ich nun auch mal sagen, sehen die Sportler echt merkwürdig aus in ihren hautengen Anzügen. Bobfahren, okay, das ist dieses Formel-1-Phänomen („Boys and their toys“ sagt man im Englischen), schnelle Schlitten im übertragenen Sinn. Aber warum die richtigen Schlitten im Fernsehen ansehen? Schnell sind sie zwar auch, aber irgendwie doch nicht cool. Ich schaute in die Gesichter und sah lauter rote Köpfe. Frostwangen, Schneegesichter. Sie waren offensichtlich draußen gewesen und jetzt erinnerte ich mich, dass ich beim Aussteigen auch die Schlitten gesehen hatte.

Und ja, sie waren Schlittenfahren gewesen, Rodeln und deshalb schauten sie jetzt mit Inbrunst die Eiskanalfahrt der Olympioniken. Eine Art Selbstvergewisserung im Spiegel des Fernsehers. Und so muss es gewesen sein. Angeführt vom größten der Jungs sind sie mit ihren Schlitten zum Rodelberg hinter der Kreisstraße gestapft, die Eisenkufen knirschten auf dem salzgestreuten Asphalt. Dann den Berg hinauf und die Piste begutachtet. Und sich dann für die steilste Stelle entschieden, einen abschüssigen Hang, völlig vereist und am Ende ein Stacheldrahtzaun. Und dann rauf auf den Schlitten und los. Die Luft kalt im Gesicht, das Schlagen der Maulwurfshügel unter den Kufen, das Springen des Schlittens – kurz die Angst, in den Zaun zu krachen. Aber dann stürzt das Gefährt und man schlägt mit den Ellenbogen auf die harte Piste. Für den Erwachsenen eine Kindheit reloaded, für die Kinder ein Extremsport. Wieder den Berg hoch, das Gewicht nach hinten verlagert, in der Kurve mehr auf die Seite gerückt, diesmal der Sturz früher, aber dafür war man auch schneller. Der nächste Schlitten fährt von hinten in den Rücken des Gestürzten, aber die Thermohosen dienen auch als Polster. Ein paar Tränen, dann geht’s weiter. Diesmal alle Schlitten verknotet, was zu einer Massenkarambolage führt. Langsam beginnt man eher zu schwitzen als zu frieren vom ewigen Schlittenhochziehen. Und irgendwann ist der Umschlagpunkt erreicht, an dem es keinen Spaß mehr macht, die Tränen nicht mehr so schnell trocknen, die Stürze nur noch weh tun. Eben dachte man noch, so könne es immer weiter gehen und es dürfe nie aufhören, plötzlich ist der Spaß vorbei. Spielen ist wie Schlittenfahren. Man stürzt aus voller Abfahrt, ohne dass man weiß, warum.