Textversion

Suchen nach:

Allgemein:

Startseite

sh:z vom 01.12.2007


Von Andrea Paluch

Als ich in der zehnten Klasse war, fror die Kieler Förde zu. Jeden Tag nach der Schule zogen wir mit den zusammengebundenen Schlittschuhen über der Schulter zum Forellenteich und fuhren Achten und drehten Pirouetten, während die Jungs Eishockey spielten und der Junge, der vorne vor der Tafel rechts saß, seinem Freund mit dem Puck die Schneidezähne aus dem Mund schoss. Auf dem Weg nach Hause, die Hände schmerzten vor Kälte und die Füße fühlte keiner mehr, tranken wir Apfelschnaps. Das war klar verboten und es war eigentlich das erste Mal, dass ich Alkohol trank. Aber er wärmte gut. Und lachen mussten wir davon auch, obwohl das Bild der blutigen Zähne und des Jungen, der sie weinend einsammelte, noch in unseren Köpfen war.
In den Häfen entlang der Förde begann es dann. Von den Molen aus wuchs das Wasser zu. Die Schiffsbesitzer, die ihre Boote nicht eingeholt hatten, gingen jeden Morgen und jeden Abend mit Äxten zum Hafen und hackten einen Burggraben um ihre Boote. Die Fischkutter brachen das Eis noch, aber die Fährfahrt nach Stockholm und Oslo wurde eine Woche später eingestellt. Zwei Eisbrecher aus Finnland und Dänemark kamen und brachen die Förde vom Nordostseekanal bis zur Howachter Bucht auf. Rechts und links der Fahrrinne türmten sich hohe Eisberge und gesplitterte Schollen. Es sah aus wie Bilder von Grönland oder die Eisfahrt von Erik dem Roten nach Neufundland, über die wir in Erdkunde gesprochen haben. Den Klimawandel gab es noch nicht und rückblickend weiss ich, dass ich solch lange, kalte Winter nie wieder erleben werde und meine Kinder vermutlich gar nicht.
In der Mitte der Förde, zwischen den Eisbergen, war das Wasser windstill und geschützt von Wellen. Als der Nordostsee-Kanal schloss, legte sich eine spiegelglatte, tintenschwarze und wie poliert in der Sonne glänzende Eisschicht über die Tiefe.
Wir waren die ersten, die sie betraten. Auf dem blöden Forellenteich waren wir nun lange genug rumgekurvt. Unsere Eltern hatten uns das ausdrücklich verboten. Aber jeder Mensch hätte es getan, wenn er mit Schlittschuhen über den Schultern so weit raus gegangen und über den Gürtel der Schollen geklettert war. Schon das war spektakulär. Ein Abenteuer einem Wikinger würdig. Dahinter aber lag der Tod. Man konnte ihn sehen. Er war Eis. Und er bot an, stillzuhalten und lud uns ein, über seinen Rücken zu rasen. Jeder hätte es getan. Nicht obwohl es gefährlich war, sondern weil es gefährlich war. Wir betraten die Eisstraße, erst vorsichtig, dann hüpften wir und gingen ein paar Schritte heraus, trampelten, hörten auf ein Knacken. Es gab kein Geräusch. Der Ostwind jagte über den schwarzen Spiegel, aber unter unseren Mützen pfiff er nicht, er war stumm, kratzte Schneestaub von den Schollen und trieb ihn vor sich her. Kein Mensch war da. Wir waren alleine, wie wir nie wieder alleine sein würden. Alleine, wie wir fortan immer sein sollten. Wir zogen uns die Schlittschuhe an und begannen über das gefrorene All unter uns zu laufen. Wir liefen nebeneinander. Wenn wir einbrechen sollten, würden wir zusammen sterben. Ich verstand zum ersten Mal, was die Olympioniken meinen, wenn sie sagen, dass Eis schnell ist. Wir überholten unsere Angst. Wir jagten am Strand unserer Kindheit vorbei, weit draußen auf der Fahrrinne, die sonst so weit weg ist und verboten. Und als wir uns nach einer halben Stunde umdrehten, waren da nur unsere eigenen Spuren, an die wir uns halten konnten, um wieder zurück zu unseren Schuhen zu finden.