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sh:z vom 13.06.2009


Von Andrea Paluch

Der mittelalterliche Dichter Walther von der Vogelweide hat in einem seiner Lieder einen Begriff geprägt, der mir nie aus dem Kopf gegangen ist. Er schrieb, dass dies sein „österlicher Tag“ gewesen sei. Damit meinte er nicht, dass Ostern ist, sondern dass dies sein „Auferstehungstag“ sei. Diese Österlichkeit habe ich in diesem Jahr in der Natur so intensiv erlebt wie lange nicht. Die letzten Jahre waren entweder früh warm oder nur nass und kalt. Dieses Jahr, dieser Mai war warm und feucht. Und alles war schwer von Fruchtbarkeit. Als ich neulich Joggen war, hat mich eine Fliederhecke fast um den Verstand gebracht, so großartig prangten ihre Blütenstände über dem Weg in lila, blau und weiß. Der Raps leuchtete mir morgens entgegen, wenn ich aus den Fenstern schaute, um das Wetter auszuspähen, die schweren Knicks, die sich im Regenguss beugten und dann im Sonnenlicht des Tags ihre Blätter zum Trocknen der Sonne entgegen reckten. Täglich konnte ich zusehen, wie die Esche als letzter Baum in unserem Garten ihre dürren Knochenzweige mit hellem Grün behängte. Überhaupt das Grün dieses Mais so frisch, wie es in diesem Jahr nicht wieder zu sehen sein wird. Die Weißdornhecken sahen aus, als seien sie mit Schnee bedeckt. Und selbst die giftigen Pflanzen der Knicks, der Goldregen und Fingerhut, konnten sich in diesem Jahr nicht einfach hinter Blättern verstecken und zeigten sich leuchtend.
Beeindruckender noch als das Spiel von Licht und Blüte aber ist der Geruch. Zwar kann ich all denen nicht widersprechen, die finden, dass Raps irgendwie nicht richtig gut riecht, auch blühender Buchsbaum erinnert latent eher an Katzenpisse. Intensität kann ihnen jedoch keiner absprechen. Und vor allem ist da ja noch der Flieder, der einen besoffen macht, der betörende Duft der maßlosen Rhododendren, der morgenfrische Wiesengeruch aus Löwenzahn und allerhand Unbekanntem.
Doch es wäre keine echte Auferstehung, wenn nicht auch die kleinsten und verachtetsten Wesen ihren Anteil an der Pracht des Wachstums hätten. Ich habe Brenneseln gesehen, hoch wie Zwölfjährige (und Zwölfjährige können groß sein). Und der Rasen wächst (zum Leidwesen aller, die ihn im März gedüngt haben und ihn jetzt wie verrückt mähen müssen) wie besessen. Ebenso der Giersch, der dank seines Wachstumstempos mit einer Überraschung für mich aufwartete: er blüht ganz dekorativ, dem Wiesenkerbel sehr ähnlich. Ein bisschen beschämt, dass ich dem Giersch jahrelang seine Blüte verwehrt hatte, stellte ich ein paar Zweige in die Vase. Das sah sehr schön aus und war, wie im Garten auch, sehr langlebig.
Während ich das schreibe – ich habe meinen Laptop mit an die Treene genommen und arbeite, während die Kinder im kalten Fluss den Sommeranfang feiern – weht der Geruch von warmen Kiefernadeln herüber, die Wärme eines Nordsommers von Nadelbaumhölzern in der Sonne. Ihr wird sich der Staub von Weizenfeldern anschließen, das Gras wird braun werden, das Grün dunkler. Ich weiß, die Zeit der schweren Knicks ist schon wieder fast vorbei. Dafür kommt der Sommer, seine Reife, mit seinen Farben, braun und gelb und rot, mit reifen Erdbeeren, Kirschen und Johannisbeeren. Und doch ist es der Mai, der mir österlich ist.