Textversion

Suchen nach:

Allgemein:

Startseite

sh:z vom 10.10.2009


Von Andrea Paluch

Der Mann hatte gelbe Zähne und die Zahnhälse lagen frei. Man verstand ihn kaum, so sehr nuschelte er. Er hatte kein unfreundliches Gesicht, aber es war seltsam reglos. Und der Preis für sein Motorboot, das man mieten konnte, war unangemessen hoch. Dennoch mieteten wir es. Der Fjord lag kabbelig im Westwind und ihn nicht zu befahren hätte geheißen, ein Abenteuer auszuschlagen. Wir bekamen zudem Preisnachlass, da der Tank nicht ganz voll war. Dann also: Schwimmwesten an, Kinder auf die Bänke, Choke raus, Außenborder an, was etwas dauerte, dann los. Schnell sah man den Grund nicht mehr und als wir die Tiefe des Fjords unter uns hatten und etwas mit dem Kahn vertraut, wechselten wir die Steuermänner durch. Einmal tuckerte der Motor, da hatte er wohl etwas Luft angesaugt. Ziel war eine Brücke ein paar Seemeilen weit landeinwärts. Wir hatten schon vom Auto aus die Fische springen sehen. Aber auf dem Wasser sind die Entfernungen größer und bald war es langweilig und wir fuhren volle Kraft voraus. Schließlich kam die Brücke in Sicht, wir fuhren unter ihr durch und wieder zurück und winkten den Fischen zu und dann wollten alle wieder zurück. Also auf die Windräder zu. Und plötzlich tuckerte der Motor erneut. Luft angesaugt? Genau – aber diesmal nur Luft und kein Benzin. Und Sekunden später war er ganz aus. Wir hingen Mitten auf dem Fjord fest. Nein, das wäre schön gewesen, eben nicht „fest“, sondern trieben vor uns hin oder ab. Ein paar verzweifelte Versuche, den Motor wieder anzuwerfen, scheiterten. Einmal reichte es gerade dazu, den Kahn wieder in die richtige Richtung zu wenden, dann erlosch der Motor wieder. Also gaben wir es auf, griffen uns die Riemen und wollten ans Ufer rudern. Das waren geschätzte 1000 Meter, also ein lösbares Problem. Und immerhin, der Seelenverkäufer hatte zwei Ruder. Allerdings nur eine Dolle. Und ohne Führung ist ein langes Ruder kaum zu führen. Wir drehten uns im Kreis. Langsam machte sich Nervosität breit. Nicht, dass wir Angst um unser Leben gehabt hätten. Immerhin sah man das Ufer noch. Aber hilflos waren wir, ausgesetzt, nicht mehr Herr der Lage. Die Kinder merkten die Anspannung der Eltern. Die Eltern standen jetzt auf und versuchten sich im Stechpaddeln. Das ging einigermaßen, aber eher einigermaßen schlecht. Wir trieben nicht mehr ab, aber richtig voran kamen wir auch nicht. Außerdem war klar, dass wir die schweren, überlangen Ruder mit dem langen Stiel und dem schmalen Blatt nicht würden ewig führen können. Die Arme taten uns jetzt schon weh.
Dann dröhnte ein Motor. Es war so ein weißes Schrebergartenboot, garantiert ohne Abenteueresprit, sozusagen mit Geranienkästen vor den Fenstern. Und wir winkten auch nicht und riefen auch nicht um Hilfe. Es kam ganz von allein auf uns zu und ein sonnengebräunter Mann mit Poloshirt fragte uns, ob wir Hilfe brauchten. Und das brauchten wir. Alle Ideen von Abenteuer und selbst-ist-der-Mann lagen frustriert in den Lachen am Boden des Bootes. Der Poloshirt-Träger warf uns ein Seil herüber, vertäute uns und schleppte uns ins seichte Ufergewässer. Die letzten Meter stechpaddelten wir. Für ein Dankeschön blieb fast keine Zeit. Schon war unser Retter wieder verschwunden. Dafür wartete der Vermieter am Steg. „War’s gut?“, fragte er. Wir verzichteten auf eine Auseinandersetzung über das Geld. Was er zu viel bekommen hatte, hatte unser Retter zu wenig. Und unser Kredit war unsere Schuld.