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sh:z vom 18.07.2009


Von Andrea Paluch

Da habe ich dreizehn Jahre drauf gewartet. Na ja, vielleicht sieben. Dass alle Kinder einmal gleichzeitig auf Klassenfahrt gehen. Und neulich war es dann soweit. Alle waren weg, das Haus still, und dann gab es einen unglaublichen Moment – dem eine Reihe anderer folgen sollten. Ein kurzer Blick, ein zweiter Kaffee, ein Prüfen der Wetteraussichten und der Termine für die nächsten Tage – tatsächlich hatte auch der allerälteste meiner Jungs sich gegen den Trott gestemmt und diese Tage freigehalten. Und noch während ich es nicht so ganz glauben konnte, polterte er schon die Treppe herunter, den alten Rucksack auf dem Rücken, mit dem ich ihn kennen gelernt hatte und ein Honigkuchengrinsen quer über die Backen. Wir stopften ein paar T-Shirts, Zahnbürste, Wasserflasche, ein Buch hinein und schon ging’s los. Nein, eins noch. Das Handy wurde ausgeschaltet (und nur abends wieder kurz angemacht – woran sich gehalten wurde, was ich nicht gedacht hätte). Wir wanderten. Wir tauchten für vier Tage ein in das unbekannte Land direkt vor unserer Haustür. Die Tour führte uns quer durch Angeln einmal um die Geltinger Birk und wieder zurück. Und ich kann sie allen nur ans Herz legen. Die Hügel, die Kühe im Braun der Tuschkastenfarbe, die ich früher nie benutzt habe, der Duft der Kamille, die an den Feldrändern inzwischen wieder hoch steht, die Knicklandschaft Angelns, das Geißblatt mit seinem süßen Abendduft, der Schweiß, der in der Sonne trocknet, die Erdbeeren, die uns die Pause versüßten, meine eigene und die Erschöpfung des Mannes neben mir (der tapfer und stolz seinen Rücksack mit meinen Klamotten schleppte), die große Freiheit vor der Haustür. Wir stiefelten aufs Geratewohl und voll Gottvertrauen in den Abend und fragten bei Zeltplätzen nach Hütten oder Zimmern – und fanden wunderschöne, preisgünstige und romantische Plätze. Es war so einfach, wieder auszuwildern, dass ich es jetzt, am Laptop, noch immer gar nicht glauben kann. Und darüber will ich eigentlich schreiben, nicht über die Wanderroute. Im Gegenteil, wenn es auch nur ein bisschen wahr ist, was ich meine, dann kann ich gar keine Empfehlung geben, weil jeder seine eigene finden muss. In einem Buch von uns zitieren wir den französischen Philosophen Albert Camus sinngemäß mit dem Satz, dass sich Freiheit nicht darin beweist, dass man etwas tut, sondern dass man etwas nicht tut. Das ist weise beobachtet. Denn der Fluch des Alltags ist es, das Gefühl zu haben, die Dinge hätten Macht über einen, dominierten einen. Dass man wie angestochen aufspringt und ans Telefon rennt, warum tut man das? Ja, man unterbricht sogar Gespräche, statt später in Ruhe zurückzurufen. Dass man über die Autobahn hetzt, nur um dann die gesparte Zeit sinnlos zu verplempern, dass man abends müde noch den Fernseher an macht, obwohl man meist nur das Schlafengehen verschleppt, das ist alles schlechte Gewohnheit. Und dass man glaubt, man müsse weit verreisen, um von all dem Abstand zu bekommen, ist der gleiche Fehler. Setzt man sich einfach mal über Konventionen hinweg, wird man mit einem Freiheitsgefühl, einem Glück belohnt, das billig zu haben und kostbar zu halten ist. Denn zu allen Farben und Bildern und Gerüchen kommt der Stolz über die innere Unabhängigkeit. Diese etwas anarchistische, freche, leidenschaftliche Zufriedenheit, sein eigener Herr zu sein. Das ist selbstverliebt. Zugegeben. Aber das wirklich Große ist: Erlebt man das zu zweit, ich schwöre, man verliebt sich auch in den Anderen.