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sh:z vom 10.04.2010


Von Andrea Paluch

Wird ein festgebundenes Buch zu einem Taschenbuch, geschieht das voll automatisch. Die Seiten werden einfach verkleinert auf das neue Format, aber Zeilenumbruch und Layout bleiben erhalten. Druckt ein anderer Verlag ein Buch in Lizenz nach, eine Büchergilde oder ein Buchclub, ist es entsprechend. Nur das Cover und der Einband werden neu gemacht. Auch wenn die Buchrechte wechseln, und das Buch bei einem anderen Verlag neu erscheint, wird der layoutete Text so nachgedruckt. Aber anders ist es, wenn ein Verlag ein bereits erschienenes Buch neu herausgibt. Für alle zuvor genannten Fälle gibt es Beispiele aus meinem literarischen Leben. Aber dass ich einen über zehn Jahre alten Text einmal ganz neu bearbeiten muss, das ist erst jetzt zum ersten Mal passiert. Und diese Arbeit hat mir vor Augen geführt, was sich alles geändert hat in den letzten zehn Jahren. Es begann mit den Namen der Hauptfiguren, einem Jungen und einem Mädchen so um die zwölf Jahre. Im Ursprungstext hießen sie Martin und Camilla. Das war jetzt nicht mehr zeitgemäß. Sie wurden auf Vorschlag des Verlags Felix und Lea getauft. Ich glaube, die Namen gab es 1999 noch gar nicht. Jedenfalls waren sie nicht so en vogue wie heute. (Eltern kennen das vielleicht, dass man sich alle Mühe gibt, sein Kind nicht so zu nennen, wie alle ihr Kind nennen, und dann findet man nach vielen Nächten endlich den richtigen Namen – und liegt voll im Trend). Dann musste ich alle D-Mark Nennungen in Euros umwandeln. Eine kleinere Korrektur, meint man. Aber sie führte zu einer erstaunlichen Entdeckung. Die Preise selbst haben sich nämlich gar nicht geändert. Bzw. sie haben sich über die zehn Jahre schon wieder bedenklich angenähert. Eis, Hosen, Süßigkeiten – alles ist so teuer wie vor zehn Jahren, nur dass es jetzt doppelt so viel kostet. Michael Ballack ist nicht mehr das Talent des deutschen Fußballs, sondern sein alter Herr. Rostock spielt schon wieder in der zweiten Bundesliga, dafür Hoffenheim in der ersten. Fischer ist nicht mehr Außenminister und Westerwelle nicht mehr Hoffnungsträger der FDP. Briefmarken werden nicht mehr angeleckt, meist schreibt man gar keine Briefe oder Postkarten mehr, sondern SMS und Emails. Dann gab es vor zehn Jahren noch keine Handys, jedenfalls nicht für Zwölfjährige und nicht so alltäglich wie heute. Und da diese „Felix und Lea“ - Geschichten kleine Krimis sind, und in Krimis die Schwierigkeit, jemanden rechtzeitig zu informieren, ganz wesentlich ist, gehörte die Telefonzelle und das nicht vorhandene passende Kleingeld entscheidend zur Geschichte dazu. Jetzt fällt sie weg und deshalb musste ich eine ganz neue Nebenhandlung machen. Handy des Vaters genommen, Handy verloren, jemand anderes findet es…. Wäre der Roman nicht fertig gewesen, er wäre ein anderer geworden, weil ja die Nebenhandlungen oft viel größeren Einfluss auf unser Leben haben, als wir glauben. Schließlich, und das ist die Hauptsache, war die Idee der Geschichte an sich damals völlig abwegig: Wölfe wandern wieder nach Deutschland ein. Und die Frage war, wie ein Dorf darauf reagiert. Ob mit der alten Rotkäppchen-Panik oder mit Naturschutzgedanken. Damals schien das, als würde das Mittelalter in die Gegenwart einbrechen. Heute sind Wölfe in Deutschland bereits Gegenwart. Die Geschichte ist eine selbsteinholende Prophezeiung geworden. Das ist schön. Für die Wölfe. Aber mir hat es ganz schön Arbeit gemacht.