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sh:z vom 05.04.2008


Von Andrea Paluch

Es war einmal ein Mann, dem wurde stets übel, wenn er Gin Tonic trank. Also trank er Wodka Tonic. Ihm wurde erneut schlecht. Darauf trank er Rum Tonic, wieder wurde ihm schlecht. Und schließlich trank er Whisky Tonic – ohne besseres Ergebnis. Er schlussfolgerte: „Ich vertrage kein Tonic Water.“ William Shakespeare hätte vor 400 Jahren dazu gesagt. „An sich ist nichts weder gut noch böse. Erst das Denken macht es dazu.“ Shakespeare muss es ja wissen, gilt er doch bis heute als das Universalgenie der Literatur. Und das völlig zu Recht. Das Problem ist nur, keiner weiß, wer Shakespeare war. Von dem berühmtesten Dichter des Abendlandes gibt es keine handschriftlichen Notizen, Manuskripte oder Tagebücher. Von dem Mann, der zu Beginn der Moderne bereits alle Motive der modernen Literatur entwickelte, gibt es lediglich eine Unterschrift und ein Gemälde. Beides, Unterschrift und Gemälde, wird einem Kaufmann aus Stratfort-upon-Avon zugeschrieben. Dessen Haus kann man heute als Wohnhaus Shakespears bei jeder Bildungsreise durch England besuchen. Das Problem ist nur, dass dieser Kaufmann Shakespeare, nach allem was man weiß, erstens ungebildet, zweitens ein schlitzohriger Geschäftsmann und drittens nie in London war. Shakespeare der Dichter aber beherrschte mehrere Fremdsprachen und war in der klassischen Mythologie und humanistischen Philosophie bewandert. Seine Stücke zeigen eine tiefe Zuneigung für das Menschliche. Und er wirkte, lebte und arbeitete in London. Die abenteuerlichsten Theorien kursieren deshalb über ihn. Die wahrscheinlichste ist, dass ein Adliger sich den Namen des Kaufmannes als Pseudonym zugelegt hat. Für den Mann hinter Shakespeare sind die größten Namen Englands gerade groß genug. Der Philosoph Francis Bacon oder der Graf von Oxford, Edward de Vere, der womöglich im Auftrag von Elisabeth I. eine Art Ideologie-Hoftheater schrieb. Ja selbst eine Frau wird als der Mann hinter Shakespeare gehandelt: Königin Elisabeth I. selbst. Aber wie war es mit dem Tonic? Vielleicht muss man die Schlussfolgerung umdrehen, und nicht jemand anderer war Shakespeare, sondern Shakespeare selbst war ein anderer. So gibt es die Theorie, dass der Kaufmann aus Stratford ein Geheimagent eines antikatholischen Secret Service war (England lag damals wegen der weiblichen Thronfolge mit den katholischen Mächten Spanien und Frankreich über Kreuz). Wäre ich Dan Brown und würde Thriller über mystische Geheimbünde schreiben, wäre der Shakespeare-Komplott mein nächstes Projekt (jetzt, wo ich es sage, eigentlich keine schlechte Idee…). Dan Browns Bücher funktionieren nämlich genau so, wie der Tonic-Trinker denkt. Man konstruiert etwas Unglaubliches und baut die Beweiskette so auf, dass es als wahr erscheint. Was aber auf diese Weise wie eine Entdeckung anmutet, ist in Wahrheit einfach ein Spiel mit pseudo-logischen Indizien.
So ähnlich wie die Frau, die viele Zitate kannte: „Es war die Nachtigall, und nicht die Lerche“. „Einmal besser als keinmal, und besser spät als nie“, „Ein jedes Ding muss Zeit zur Reife haben“, „Römer! Mitbürger! Freunde!“, „Es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als eure Schulweisheit sich träumt“, „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage“, „Schwachheit, dein Name ist Weib“. Irgendwann las sie Shakespearestücke und fand alle Sprüche darin wieder. Und sie wunderte sich, wie jemand als Genie gelten könne, wenn er doch so viele Sprichwörter benutzt.