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sh:z vom 30.08.2008


Von Andrea Paluch

Ist das nun ein Jahrhundertsommer, wie in den Zeitungen angekündigt wurde, oder nicht? Ich bin eigentlich ganz zufrieden mit dem Wetter. Obwohl es gerade wie aus Eimern schüttet. Wenn ich aus dem Fenster schaue, dann sieht es nach November aus – nur die grünen Blätter stören. Und wenn man vor die Tür tritt, ist die Luft warm. Überraschend warm. Und sie riecht überraschend würzig. Und wenn der Regen auf den warmen Asphalt fällt, dann verdampft er mit diesem unvergleichlichen Geruch von Staub und Teer. Der Rasen, der im Mai verdorrt war, muss wieder gemäht werden, die Rosen haben sich von der Trockenheit erholt, von den Blättern der Büsche und Bäume fallen fette Tropfen. Wachstum und Erdschwere, wohin man schaut. Dank des Regens habe ich sogar ein kleines Wunder gesehen, das ich bis dahin ebenfalls nur aus der Zeitung kannte: einen kreisrunden Regenboden. Ein Bogen um die Sonne, dessen Anfang und Ende sich trafen, ein Regenzirkel sozusagen. Selbst in Irland, wo es jede Menge Regenbögen gibt, habe ich so etwas noch nicht erlebt. Dabei ist Irland, so sagten mir die Einheimischen, als ich dort einmal ein nasses Jahr lang lebte, das Land, in dem es am häufigsten aufhört zu regnen. Das ist auch eine Einstellung. Eine andere ist, den Regen hinzunehmen. Was bleibt einem sonst übrig.
Den Kindern jedenfalls scheint der Regen dieses Jahr nichts auszumachen. Auch wenn sie zu groß sind, um in Pfützen zu baden. Neulich schlugen sie vor, im Regen ins Freibad zu fahren. Von oben und von unten nass, was macht’s. Wir waren die einzigen Gäste und während ich meine Bahnen zog, tobte die nächste Generation im leeren Pool. Das Wasser war wärmer als die Luft und im Regen zu schwimmen hat mich auf eine melancholische Weise an meine eigene Kindheit erinnert. Wobei ich, glaube ich, nie im Regen in einem Freibad war. Aber der Regen selbst, der ist schon wie eine Erinnerung. All seine Metaphern und feststehenden Begriffe – „Tränen des Himmels“, „Welt versinkt im Regen“, „Regentage des Lebens“ – sie haben etwas Trauriges, etwas, das nach Vergehen klingt, das mich an Irland denken lässt, an eine Zeit, als so viel Neues passierte und alles gleich wichtig schien, dass man keine Ruhe fand, über sein Leben nachzudenken. Und doch machte man den ganzen Tag irgendwie auch wieder nichts anderes als jetzt. Ein bisschen ist Jugend wie der Regen selbst, verschwenderisch und vergänglich.
Ich erlebe ihn in diesem Sommer als eine Kraft, fast als eine Gewalt, als ein Element, das sich nimmt, was es will, dem Ferienpläne und Urlaubzeiten schnurz sind, das den Alltag bestimmt. Beim Fahrradfahren innerhalb weniger Sekunden bis auf die Haut durchnässt zu werden zum Beispiel. Wann wurde man das letzte Mal so überrascht? Ist das nicht eigentlich etwas Gutes? Wenn es regnet, dann werden die alten Gesellschaftsspiele herausgezogen, dann wird gelesen und vorgelesen, dann wird sich mit gutem Gewissen gelangweilt. Und wenn er dann aufhört, der Sommerregen, dann schmeckt die Luft wie frisch gewaschen und man rennt barfuss durch das nasse Gras. Und wenn dann noch die Sonne rauskommt, die Tagestemperatur sich plötzlich erhöht, wenn die nassen Haare und die kalten Füße trocknen, man Wäsche aufhängen und Radtour-Pläne schmieden kann, dann entfaltet der Sommerregen seine ganze Pracht: Das beste daran ist, wenn er aufhört.