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sh:z vom 31.01.2009


Von Andrea Paluch

In einer der letzten Kolumnen beschrieb ich eine komplizierte philosophische Figur, die Umkehr der Denkrichtung. Ich möchte mich für ihre Staubtrockenheit entschuldigen. Aber ich musste sie schreiben, weil mir etwas Merkwürdiges widerfahren ist. In diesen Tagen erscheint ein neues Buch von uns. Es heißt „SommerGig“ und erzählt die Geschichte einer Mädchenband, die kurz vor dem Ende ihrer Schulzeit zu einem Festival nach Kopenhagen eingeladen wird und auf eine Stadt im Sommerrausch trifft, voller Jugend, voller Jungs, voller Liebe. Und so kommt es, wie es kommen muss: Die Mädchen verlieben sich in die falschen Jungs, machen die falschen Erfahrungen, die Band zerbricht auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs, genauer in dem Moment, wo das Ziel der Band, nämlich sich der Öffentlichkeit zu stellen, erreichbar ist. Ein letztes Konzert spielen sie, den Gig ihres Lebens, weil sie, die ehemaligen Freundinnen, nun gegeneinander spielen, nicht miteinander. Sie spielen sich in Grund und Boden, dann eskaliert die Situation. Soweit der Roman, der mich jedes Mal, wenn ich ihn Korrektur las, hoffen ließ, dass es doch nur bald wieder Sommer würde.
Während des Schreibens entstand eine parallele Idee: Die Songs des Romans, zunächst nur fiktiv und mit frei erfundenen Texten ausgestattet, wurden ersetzt durch Songs, die es wirklich gab. Meinen Songs, den Songs meiner Freundinnen, der Band, in der ich spiele. Dann nannten wir die Band im Roman nach unserer Band, „Penny or Dime“. Schon bei den Songs war ich plötzlich nicht mehr sicher, was das erste und was das folgende war: Meine Wirklichkeit im Proberaum oder die beschriebene Wirklichkeit im Text. Und arrangierte der Text sich noch um die Songs, die es auch ohne ihn gegeben hätte, bin ich mir nicht sicher, ob es die Band zu den Songs auch ohne den Text gegeben hätte. Jedenfalls ähnelten die Krisen unserer wirklichen Band plötzlich denjenigen, die der Text beschrieb.
Das Literaturhaus Schleswig-Holstein erkannte als erstes, dass hier ein verrücktes Spiel zwischen den Ebenen der Wirklichkeit entstand. Es stattete uns mit einem Stipendium der Sparkasse aus (danke!) und wir nahmen unsere Lieder im Studio auf und stellten sie auf unsere Homepage. Der Roman endet mit dem Zerfall der Band – aber ihrer Fortexistenz in der virtuellen Welt des Internets. Denn auch die Roman-Band hat eine Homepage – sie sieht genau so aus wie unsere Homepage (www.penny-or-dime.de). Und kaum hatte ich unsere Seite auf der Internetplattform myspace frei geschaltet, meldete sich eine Figur aus unserem Roman und kommentierte die Seite – nein, kommentierte unsere Geschichte und fragte mich – nein, Penny, die Hauptfigur aus dem Roman – ob sie ihm noch böse sei, dass er mit ihrer besten Freundin abgehauen sei. Jetzt ist alles durcheinander: Klassischerweise erzählt ein Text eine fiktionale Wirklichkeit. Das Internet ist ein virtuelles, komplett irreales Medium. Und durch die Verdoppelung der Geschichte im Internet wird der Text sozusagen zu einer wirklichen Fiktion. Es ist, als ob man zwei Spiegel gegenüberstellt und sich die Welt unendlich verdoppelt. Die Welt ist nicht echter geworden, aber die Verdoppelung ist real. Und deshalb weiß ich nicht, was ich dem Jungen aus meinem Buch antworten soll. Oder besser: Soll ich ihm antworten oder die Figur aus dem Buch?