Textversion

Suchen nach:

Allgemein:

Startseite

sh:z vom 12.06.2010


Von Andrea Paluch


Karfreitag wurde Jesus gekreuzigt, Ostern ist er wieder auferstanden und Ostermontag las ich in der Zeitung von Martin Tietz. Er hatte eine ähnliche Geschichte, wie ich sie schon einmal mit meinem Schreibpartner in einen Roman geflochten habe: Ein Mensch (meistens, so auch bei uns, ein Mann) verschwindet – kommt aus dem Krieg nicht zurück, taucht einfach ab, buchstäblich im Fall unseres Romans, als er über Bord geht, und rettet sich andernorts an Land. Und dann lebt er ein zweites Leben, auferstanden von den Toten, nur, dass die Menschen aus dem alten Leben noch trauern. In der Regel dieser Geschichten ist die Auferstehung eine initiierte und bewusst herbei geführte. Nicht so im Fall von Martin Tietz. Seine Frau öffnete ein Schreiben der Polizei an sie. Wer weiß, wie unangenehm die meisten Polizeibriefe sind, wird sich denken können, dass sie dabei schon nervös war. Dann aber fuhr ihr der Schreck in die Glieder und sie sah ihren Mann neben ihr an. „Du bist tot“, sagte sie. „Und ich bin Witwe.“ So beschied es ihr der maschinelle Polizeibrief. Ich weiß leider nicht, ob die beiden lachten oder verstört waren, ob sie es als Schelmenstreich oder böses Omen deuteten – aber das Lachen ist Martin Tietz dann schnell vergangen, denn das Schreiben, das sich als Computerfehler herausstellte, war längst an viele weitere Computer kommuniziert worden. Der Führerschein wurde eingezogen, die Kontovollmachten gesperrt, die Versicherungen auf seine Frau umgeschrieben, die Rente gestrichen…. Herr Tietz verschwand aus dem Leben und lebte doch weiter. Das nun stellt den Geschichten von lebenden Toten eine ganz neue Variante an die Seite. Denn statt nun alle Papiere wieder neu ausstellen zu lassen und sich ins alte Leben zurück zu kämpfen, was wäre denn, wenn er das neue einfach weiter lebte? Wer würde ihm den Führerschein entziehen können, wenn es ihn gar nicht gäbe? Andererseits, wer würde ihm Rente zahlen? Aber einen Reiz hat dieses Spiel à la Kafka schon. Wahrscheinlich kein besonders erquickliches. Wahrscheinlich würde es Herrn Titz gehen, wie Tom Hanks in diesem Film, wo er im Nirwana eines Flughafens lebt, weil seine Papiere nicht zur Ausreise reichen und man nur mit gültigen Ausreisepapieren einreisen kann (oder umgekehrt). Jedenfalls ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich hoch, dass man schnell in der Bürokratiezwickmühle landet. Aber abgesehen davon, was böten sich für Chancen, sein Leben erneut zu leben? Alle Schulden gelöscht, alle Delikte verziehen, alle Freundschaften aufgelöst, nachdem die Bekannten die Zeitungsanzeige gelesen haben, die man selbstverständlich hat schalten lassen, aus makaberer Freude, dass man seine eigene Todesanzeige überlebt. Das Leben wäre ein permanenter Fragebogen von Max Frisch, diese Bögen, die immer auf die Identität des Menschen zielen. Wenn Sie sie nicht kennen, Sie sollten sie einmal nachlesen. Kurzes, willkürlich gegriffenes Zitat aus „Fragebogen“: „Wenn Sie sich beiläufig vorstellen, Sie wären nicht geboren worden: beunruhigt Sie diese Vorstellung?“ Genau das wäre Herrn Tietz‘ Chance und Problem. Sich selbst neu zu erfinden, nachdem man von der Bildfläche verschwunden ist, kommt wahrscheinlich dem Gefühl nahe, nie geboren worden zu sein. Nur fehlt in unserem Beispiel die Beiläufigkeit, die der Humor von Max Frisch voraussetzt. Wenn die Vorstellung zur Tatsache wird, kommt wieder Kafka ins Spiel.