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sh:z vom 14.11.2009


Von Andrea Paluch

Räuber und Gendarm, das Kinderspiel aus meiner Kindheit – was für eine Art Räuber haben Sie sich vorgestellt? Einen Robin Hood oder eher Hotzenplotz? Oder Al Capone oder Bankräuber? Und was für einen Gendarm? Sheriff von Nottingham oder Supercop? Ich hatte gar keine Vorstellung, ich bin einfach gerannt vor einem namenlosen gesichtslosen Fänger.

„Was wollen wir spielen? Gegenwart oder Vergangenheit?“, schnappte ich neulich eine Frage auf. Ein Kindermund stellte sie. Ich war ein bisschen überrascht. Nach längerem Hinhören stellte sich heraus, dass die Antwort, etwa „frühes Mittelalter“ entscheidend war für die Wahl der Waffen. Das Spiel „Alte Zeit“ schreibt Schwerter, Pfeile und Messer zum Kämpfen vor, in der neuen Zeit kann man durchaus Schnellfeuergewehre und Handfeuerwaffen einsetzen. Aber auch wenn die Umsetzung etwas profan ist, die Orientierung an der Zeit, das ist die Größe der Phantasie. Ein Stock kann zu einer Kalaschnikov werden oder zum Schwert König Artus‘. Ein Versteck im Knick zu einem Bunker oder zu einem Indianerlager. Nur das Anschleichen ist der alten und neuen Zeit gemeinsam. Es ist ein Vordringen in den Innenraum der Vorstellungswelt. Mit jedem Schritt, ich sehe es den kleinen Kriegern an, die vor meinem Fenster unsichtbar sind für die Gegenwart aus Müttern, Hausaufgaben, Handballtraining, weil sie wie durch eine Zeitmaschine versetzt sich bereits in einer anderen Gegenwart bewegen, öffnet sich ein neue Geschichte, dringen sie weiter vor in einen Raum hinter der Raum.

Kein Wunder, dass sie Fantasy Geschichten so sehr lieben. Sie sind ein Refugium des Alles-ist-möglich. Wenn es Drachen und Zwerge und Elfen gibt, dann gibt es auch eine Möglichkeit, im Alltag dem Alltag auszubüchsen. Und dass ich diese Geschichten eher langweilig finde, liegt vermutlich daran, dass ich langweilig bin und dass meine Phantasie weder alte noch neue Zeit kennt, sondern nur eine Gegenwart, die fordert und bewältigt werden will. Das Spiel der Kinder fordert auch – jedoch die Gegenwart heraus.

Im Spiel hängt der Erfolg oder Misserfolg nicht nur an den eigenen Entscheidungen, sondern auch an denen der anderen. Das ist im Leben nicht anders, aber das Spielen besteht ja geradezu darin, einander auszutricksen. Das gilt für Räuber und Gendarm wie für Mühle, Dame, Schach. Im „normalen“ Leben gibt es doch immer so etwas wie Anstand und Common Sense (bis auf den Bereich der Finanzmarktspekulationen, aber der ist ja auch kein normales Leben). Im Spiel darf man tricksen und sein Sinn besteht geradezu im Anschleichen und Übertölpeln. Und wie man sich da verhält und wie man sich gegenüber der Zufälligkeit von Würfelentscheidungen benimmt, ob man ausrastet oder lacht, das sagt viel über den Menschen (das Kind im Menschen) aus. Es gibt übrigens einen eigenen Zweig der Wissenschaft, der sich mit der Spieltheorie beschäftigt. Für diese Forschung wurden bisher acht Nobelpreise verliehen - Nobelpreise für Wirtschaftswissenschaft. Offensichtlich haben die Forscher erkannt, dass man aus der scheinbaren Zufälligkeit heraus Gesetze finden kann. Jedes Kind weiß, dass bei Vier gewinnt immer der gewinnt, der anfängt. Und dass man bei Mühle immer auch als zweiter ein Unentschieden erzwingen kann. Die Frage aller Fragen ist jedoch: ist das Leben Mühle oder Vier gewinnt? Räuber oder Gendarm? Gegenwart oder Vergangenheit?