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sh:z vom 02.10.2009


Von Andrea Paluch

Ein Gedicht von Rainer Maria Rilke trägt die Worte „Herr, es ist Zeit/ Der Sommer war groß“. Trägt die Worte, das ist genau die richtige Formulierung. Es trägt die Worte zu mir und in mein Herz. Jetzt, wo September ist und die Tage schon wieder so früh dunkel sind, dass man elektrisches Licht braucht und unsere Solartherme das Wasser nicht mehr alleine warm macht. Die heizungslose Periode geht vorbei, die Strom sparende auch. Und das Gefühl der Wehmut lässt mich nicht mehr los. Ich hatte es erstmals an einem der letzten richtig schönen Tage am Strand. Vielleicht ist es auch eher so, dass ich im Nachhinein, weil es die letzten Tage des hohen Sommers waren, dieses Gefühl auf die Steine dort projiziere. Die Kiesel dort waren rund und glatt geschliffen von der ewigen Dünung, von Jahrmillionen der Bewegung, von Ebbe und Flut und Salzwasser. Und so rund, warm und stumpf wie diese Kiesel, in die ich meine Hände grub, war dieser Sommer. So fühlt er sich an, schwer und müde. Die nervöse Aufbruchstimmung vom April und Mai, jenen Tagen, an denen man fast körperlich litt, wenn man drinnen sein musste, während draußen die Sonne schien, sie ist vorbei. Stattdessen abgeklärte Ruhe, Duldsamkeit fast. Gesammelte Kräfte, volle innere Batterien, die jetzt ein halbes Jahr lang halten müssen. Wie Frederik die Feldmaus müssen wir uns an langen Winterabenden daran erinnern, die Farben und Gerüche des Sommers wieder ins Gedächtnis zu rufen. Und wie die runden Steine ist auch das erdgelb der Stoppelfelder eine Sommererinnerung. Das ist sicher auch meine Kindheit, die da mitschwingt. Barfuss über die Felder zu laufen war eine Mutprobe. Man musste den Fuß schieben wie afrikanische Stämme bei ihren Wanderungen. Sie tun das, um Schlangen aufzuscheuchen und nicht darauf zu treten. Wir taten das, um uns nicht zu verletzen. Für die Schlangen jedoch gab es keine Rettung. Denn damals wurden die Felder noch abgebrannt. Der Qualm hing über den Straßen wie in Kriegsfilmen. Wenn wir die schwarzen Qualmsäulen sahen, schlichen wir Kinder uns aus dem Haus, schnappten uns die Fahrräder und fuhren zu dem Stoppelbrand. Wir stellten uns gegen den Wind, der die Flammen auf uns zu trieb, ans Ende des Feldes, was natürlich schwer verboten war und das mit Recht. Aber wenn man ganz still wartete, dann begann der Knick vor einem plötzlich zu leben, dann rasselte es in den Brennnesseln, erst kamen die Fliegen, die Bienen, die Hummeln, getrieben von der Hitze der Luft, dann plötzlich brach ein erster Hase aus der Deckung, panisch vor Angst. Seine Furcht vor dem Feuer war stärker als vor uns, wenn er uns denn überhaupt sah oder roch und nicht einfach blind um sein Leben lief. So dicht, dass man ihn hätte berühren können, lief er an uns vorbei. Wir warteten auf Kaninchen, Blindschleichen und Rebhühner, wilde Katzen, Frösche, Igel. Wenn die Felder wieder erkaltet waren, gingen wir über die schwarze Erde und zählten die Kadaver. Einmal war ein Kitz darunter. „Ob Rehe vergessen können?“ fragte ich abends meine Mutter.
Jetzt jogge ich entlang der gelben Kämme, wo nicht Maisfelder sie verdrängt haben. Ihr Gelb, aber vor allem ihre Abgeerntetheit, das ist der Anblick des Septembers. Stoppelfelder sehen aus, wie sich die Haut nach einem Tag am Strand anfühlt.