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sh:z vom 21.06.2008


Von Andrea Paluch

Über Erdbeeren könnte ich viel erzählen. Sie sind mir von allen Früchten die liebsten. Klar, sie schmecken am leckersten. Diese Mischung aus süßer Säure… Aber es ist nicht nur der Geschmack. Es ist auch die Größe der Frucht, kleiner als ein Apfel (von einer Melone ganz zu schweigen), größer als Johannisbeeren. Man muss nicht abbeißen, man kann sie einfach einwerfen. Genau Bissgröße – perfekt, um mit der Zunge zerdrückt zu werden. Am besten mit einer Spur warmen Erde auf der Frucht, so dass es ein bisschen knirscht zwischen den Zähnen. Und am besten barfuss, die Füße direkt auf der warmen Erde. Aber es ist nicht nur die Größe. Es ist auch die Jahreszeit, in der sie reifen. Mai, Anfang Juni, wenn die Natur vor Fruchtbarkeit strotzt und alles schwer von Blüten ist. Sie sind die ersten eigenen Früchte des Jahres, die ersten unserer Breitengrade. Auch wenn die Erdbeeren, die wir heute futtern, erst im 18. Jahrhundert aus Amerika eingeführt wurden, während es die kleinen, aromatischen Walderdbeeren schon in der Steinzeit gab.
Aber es ist nicht nur die Jahreszeit, es ist auch die Kürze dieser Phase. Drei, vier Wochen und alles ist vorbei. Irgendwie tragisch, aber irgendwie auch bezeichnend, weil Glück eben vergeht. Aber es ist nicht nur die Kürze der Ernte. Es ist auch die Bezeichnung. Die Erde im Namen. Das klingt schon bodenständig, nach Heimat und Nähe. Allerdings ist die Erdbeere botanisch gesehen gar keine Beere, sondern eher der Hagebutte verwandt. Aber es ist nicht nur der Name. Es ist der Duft! Letztes Jahr kam ich abends von einer Lesereise zurück und kaufte in der Abendsonne am Feldrand zwei Körbe Erdbeeren (inklusive warmer Erde). Ich stellte sie auf die Rücksitze des überheizten Autos. Und als ich eine viertel Stunde später zuhause war, da war ich wie benommen von dem Geruch. Nie werde ich etwas Schöneres riechen. Aber es ist nicht nur der Geruch. Es sind die Geschichten. Die schönste ist noch nicht mal alt. In dem Bestseller „Schnee, der auf Zedern fällt“ erzählt David Guterson eine Liebesgeschichte zwischen zwei Erdbeerpflückern. Und wann immer sich die Liebsten küssen, duftet ihre Haut wie mein Auto gerochen hat. Aber es sind nicht nur die Geschichten. Es sind auch die Erinnerungen. Da ich ein echter Erdbeerfan bin, hatte ich einmal einen Pyjama, auf den lauter Erdbeeren gedruckt waren und der mir eine Reihe von kecken Sprüchen eingetragen hat à la „süßes Früchtchen“. Der Schlafanzug ist längst ein Putzlappen. Doch Fan bin ich geblieben.
Neulich kaufte ich aus Ungeduld, dass es endlich Erdbeerzeit werden möge, in Plastik eingeschweißte. Sie schmeckten eher nach Gurke als nach Erdbeere und waren auch noch nicht reif. Ich stellte sie einen Tag in die Sonne, in der Hoffnung, dass sie reifen würden. Wie Avocados oder Tomaten, die man auf warme Steine legt, damit sich das Aroma voll entfaltet. Die Erdbeeren wurden nur matschig und gammelig. Ich las am nächsten Tag in der Zeitung, dass Erdbeeren nicht nachreifen. Das war eine ziemliche Erkenntnis. In meinem bisherigen Leben wurden Erdbeeren immer sofort aufgegessen, so dass ich mit ihrem Nachreifverhalten keine Erfahrung hatte. Das ist, finde ich, das beste an Erdbeeren: Man muss sie vertilgen, wenn man sie pflückt. Man kann sie nicht lagern, sie werden nicht reifer, sie sind für den Moment bestimmt, wie jeder Genuss.