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sh:z vom 28.11.2009


Von Andrea Paluch

Neulich unterhielt ich mich mit meinem Mann. Das kommt manchmal vor. Dass wir über unsere Kinder reden auch. Aber eher im Sinne von „Fährst du sie morgen zum Handball?“ oder „Habt ihr das Diktat geübt?“. Dass mein Mann über sein Glas hinweg überlegte, ob er ein strenger Vater sei oder nicht, war neu. Selbstzweifel sind nicht so seine Art. Und im Grunde weiß ich, dass er sich für liebevoll und tolerant hält. Ich war also doppelt überrascht und fragte ihn, was los sei. Er sagte: „Nur so“. Wir schenkten uns nach und überlegten gemeinsam, wieso Väter gemeinhin als strenger gelten, als Mütter. Dass das von Natur aus so festgelegt und angeboren ist, wollten wir beide nicht glauben. Also entwickelten wir folgenden Gedanken: Wenn in einer Familie ein Partner, meistens der Mann, weg ist, dann gewöhnen sich die Kinder und der andere Partner, meistens die Mutter, aneinander. Sie üben ihren Alltag ein. Sie entwickeln bestimmte Regeln. Zum Beispiel, ob man seine Finger beim Essen ablecken darf oder nicht, ob man seine dreckigen Sachen in den Wäschekorb tut, wie lange im Bett noch gelesen werden darf und so was. Aber auch einen Schmerzgrad, ab dem man weinen darf, bzw. getröstet wird, wie frech man sein darf, ohne dass der Geduldsfaden reißt, eine Zeichensprache, wann bei dem anwesenden Elternteil die Nerven blank liegen. So entwickelt sich ein heimlicher, aber sehr engmaschiger Code, in dem sich Kinder und Elternteil bewegen. Und da Zusammenleben bedeutet, Toleranz zu gewähren, ist es ein Code, der eher auf Großzügigkeit beruht, als auf Strenge. (Das ist für Eltern oft reiner Selbstschutz. Man muss sich seine Niederlagen mit Bedacht aussuchen). Und dann kommt abends jemand nach Hause, der diese Einübung in den Alltag nicht mit gekriegt hat – täglich jedenfalls nicht. Er findet, dass die Kinder beim Essen schmatzen und sagt: „Setz dich gerade hin!“, er kontrolliert die Hausaufgaben und die Handschrift sieht aus wie Krickelkrackel, er ist genervt, dass die Kinder alle ihre Klamotten unbesehen in den Wäschekorb schmeißen und dass sie abends lange lesen, obwohl klar ist, dass sie am nächsten Tag übermüdet sind. Um seiner Partnerin etwas Gutes zu tun, nimmt er ihr die Kinder ab – und es knallt. Vater schimpft, Vater ist streng.
„Also wird man zum Vater, indem man arbeiten geht“, sagte mein Mann.
„Da hast du was nicht verstanden“, antwortete ich. „Zum Vater wird man durch etwas ganz anderes.“
Wir tranken unsere Gläser leer. Das Kerzenlicht fing sich im Glas. Die CD war zuende. Ich stand auf und legte eine neue ein.
„Und du meinst, dass ich deswegen in letzter Zeit so streng bin, weil ich so viel weg war und nicht mitbekommen habe, nach welchen Regeln ihr lebt?“, wollte mein Mann unbedingt weiter reden.
Jetzt war es also raus. Es hatte beim Ins-Bett-bringen, das er so freudig übernommen hatte, gekracht.
„Ich glaube, dass ich die strengere von uns beiden bin“, sagte ich, denn mein Mann ist liebevoll und tolerant. Und er tut seine Sachen nie in den Wäschekorb und schlingt im Übrigen beim Essen.
„Ja“, sagte er, „das mag wohl sein, aber mir gehorchen die Kinder.“