Textversion

Suchen nach:

Allgemein:

Startseite

sh:z vom 14.03.2009


Von Andrea Paluch

Neulich auf dem Amt: Ich stand in einem Zimmer, um meinen Antrag bearbeiten zu lassen und meine Gebühr zu entrichten, und an der Wand standen Regale voller alter Ordner und Ablagen. Und wenn ich alt sage, dann meine ich das in diesem Fall auch. Sie reichten weit hinter den zweiten Weltkrieg zurück. Standesamtliche Einträge waren darin aus einer Zeit, als Männer noch gezwirbelte Schnurrbärte trugen. (Auch das so ein Ausdruck, über dessen Kultur man nicht nachdenkt. Heute gibt es rasierte und unrasierte Männergesichter und manchmal auch noch bärtige. Aber dass man einem Bart mit Haarwachs eine Form gibt, ist nur noch seltenst Praxis.) Ich kam ins Gespräch und der Amtmann erzählte mir von seinen Problemen (den beruflichen, versteht sich). Ein Großteil der Dokumente sei in Sütterlinschrift verfasst und er könne sie nicht immer entziffern. Und die Kollegen, die die alte Handschrift noch lesen konnten und die er früher um Rat fragen konnte, seien alle inzwischen im Ruhestand – oder schlimmer noch, verstorben. Es gäbe einfach immer weniger Menschen, die diese Dokumente lesen könnten.

Zuhause schlug ich nach, was es mit der Sütterlin-Schrift auf sich hatte und erfuhr allerlei Bemerkenswertes, so dass es eine im Kaiserreich als Reform und Vereinheitlichung eingeführte Schrift war, dass Sütterlin der Name ihres Erfinders war, und dass sie eine Vereinfachung gegenüber anderen gebräuchlichen Schriften darstellte, worauf ich nicht ohne weiteres gekommen wäre. Man schrieb damals sehr schräg mit großen Unter- und Oberlängen und einem veränderlichen Strich, was zwar sehr dekorativ war, aber technisch schwer zu lernen. Um den Kindern das Schreibenlernen zu erleichtern vereinfachte Sütterlin die Buchstabenformen, verringerte die Ober- und Unterlängen und stellte die relativ breiten Buchstaben aufrecht.

Ich erinnere mich an Sütterlinschriftbilder. Meine Oma schrieb früher Postkarten – und ich konnte sie nicht lesen. Auch meine Oma ist lange ist tot. Und einmal in der Schule, vielleicht war es in der vierten Klasse, malte unsere Lehrerin Zeichen an die Tafel, die wie Runen aussahen und die wir mit Freude abmalten, aber nie lernten. Schon damals hatte diese Schrift etwas Faszinierendes. Da gab es Mitten im Leben ein Geheimnis, eine Geheimschrift. Es hatte etwas von Briefen mit Zitronensaft oder dem versetzen der Buchstaben durch den nächstfolgenden. Es gab ein Wissen, das nur wenige teilten. Und jetzt sterben diese Wenigen aus. Und in den Grundschulen lernen die Kinder eine vereinfachte Ausgangsschrift, die die Schreibschrift mittelfristig verdrängen wird. Das Erstaunliche ist, dass sich mit dem Schriften ein Geist verbindet. Ich weiß natürlich, dass ich den nur reininterpretiere. Dennoch kommt es mir so vor, dass ein Liebesbrief in Sütterlin geschrieben nicht die gleiche Liebe ausdrücken kann, wie die, die ich mit dem Computer beschreibe. Und ich weiß, dass mit der Schrift auch eine andere Art des Denkens und Handelns verbunden ist. Vielleicht werden auch meine Kinder später einmal, wenn sie auf dem Dachboden hinter dem Regal die Kiste mit meinen alten Liebesbriefen finden, sie nicht mehr verstehen – weder lesen noch begreifen können. Und das ist doch auch irgendwie ein tröstlicher Gedanke. Die Schrift bewahrt die Geheimnisse eines Lebens, wie ein Zauberspruch im Märchen, und verschließt sie vor den Augen all derer, die sie nicht verstehen können.