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sh:z vom 25.04.2009


Von Andrea Paluch

Alle meine Kinder schleppten einmal im Leben die gleiche Empörung mit aus der Schule nach Hause. Die Lehrerin hatte sie umgesetzt. Nicht aus Strafe, etwa weil sie ununterbrochen mit ihren Nachbarn geredet hätten, sondern weil die Klasse als ganzes umgesetzt wurde, eine Art angeordnete Freundschaftsdurchmischung. Und eben das war der Skandal. Die Sitzordnung war ein Ritual. Und es ging die Lehrerin nichts an, wie sich die Kinder arrangiert hatten – fanden die Kinder (wo kämen wir denn dahin, wenn das die Lehrerin nichts anginge. Als nächstes wäre es egal, wie sie sich mit der Mathematik arrangieren….). Aber was sie berichteten, kannte ich auch aus meiner Schulzeit, jene Ordnung, die sich findet und dann als unveränderlich gilt. Und so ist es auch im negativen. Kommt man zu einer Besprechung und setzt sich an den Tisch auf einen Platz, der sonst einem anderen reserviert war, löst man eine Kettenreaktion bis hin zu gruppendynamischer Anarchie aus. Eine ganze soziale Struktur gerät in Konfusion. Spannend. Revolutionen im Alltag.
Aber das eigentlich Spannende ist nicht der Umsturz, es ist die Frage, wie Ordnungen überhaupt entstehen. Dazu ein paar einfache Fragen im Stile von Max Frischs Fragebögen:
Schlafen Sie mit ihrem Partner/ ihrer Partnerin in einem Bett? Falls ja, schlafen Sie immer auf der gleichen Seite? Welcher? Warum? Und haben Sie einmal probiert, die Seite zu ändern? Überraschen Sie Ihren Partner oder Ihre Partnerin doch einmal!
Sitzen Sie in Mittagspausen oder beim Frühstück mit Freunden oder Familienmitgliedern zusammen an einem Tisch? Sitzen Sie immer am gleichen Platz? Sitzen Sie an der Längs- oder Stirnseite? Würden Sie gern einmal an einem anderen Platz sitzen? Meinen Sie, Ihr Platz ist besser oder schlechter (zum Beispiel bezüglich der Lichtverhältnisse, des Ausblicks, des Gangs zum Kühlschrank…) als andere Plätze? Oder ist es Ihnen egal? Wenn Ihnen das egal ist, ist es nicht eine Geringschätzung Ihrer Freunde oder Familienmitglieder?
Auf Fotos, auf denen sie mit einer Gruppe Menschen abgebildet sind, zum Beispiel mit Ihren Geschwistern, haben Sie auch da einen festen Platz? Sind sie zum Beispiel immer rechts? Wenn Sie es sind, wie erklären Sie sich das?
Wenn Sie es nicht sind, wie erklären Sie sich, dass sie zum Beispiel beim Essen oder Schlafen Ritualen folgen, nicht aber, wenn diese dokumentiert werden? Sind Sie Ihnen peinlich? Oder meinen Sie, man braucht auch mal Pause von seinen Zwängen? Warum nehmen Sie die dann aber vor dem Fotoapparat und nicht im Bett?
Was mich angeht, ich habe neulich die Möbel umgestellt. Ich habe die gesamten Innenwände des Hauses neu gestrichen (grau und gelb, sehr schick, wie ich finde), ich stelle einmal im Jahr die Möbel um, ich probiere neue Gerichte (sehr zu meinem Leidwesen, weil die Spagettifresser um mich herum mit Hausmannskost und Butter und Salz zufrieden sind), ich habe mir – nachdem die Kinder aus allem möglichen herauswachsen – angewöhnt, meine Schränke konsequent auszumisten, ich denke mir neue Geschichten aus, ich plane und verwerfe die Pläne für die Zukunft, ich bin ganz schlecht darin, mich zu gewöhnen (z.B. an herum liegende Socken). Aber ich schlafe rechts im Bett, ich sitze immer auf dem gleichen Platz am Tisch und – das war die Entdeckung, die zu dieser Kolumne geführt hat - ich befinde mich auf vielen Gruppenfotos in etwa an der gleichen Stelle. Wie entsteht eine Ordnung? System oder Willkür oder geheime Kräfte? Vermutlich ist es der Drang, sie zu verändern, der eine Ordnung schafft.