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sh:z vom 28.06.2008


Von Andrea Paluch

Wir hatten neulich Besuch einer befreundeten Familie. Die Kinder waren schnell verschwunden. Das war zwar irgendwie beunruhigend, aber wir waren auch irgendwie froh drum und setzten uns in den Sommerabend, nur gestört von dem starken Ostwind, der nun schon seit Wochen weht und auf den Schleswig-Holstein irgendwie nicht eingestellt ist. Häuser, Veranden, Pagoden, sie alle stehen plötzlich verkehrt herum. „Verkehrt herum“, das ist das Stichwort, auch für Gespräche wie sie Freunde führen, die sich nach elf, zwölf Jahren wieder sehen. Vor acht Jahren redeten wir über die Zukunft. Beruf unsicher, Kinder nicht in Sicht oder Planung, ob die Beziehung halten würde nicht ausgemacht. Alles war ungewiss. Jetzt bewegte sich das Gespräch in die andere Richtung auf der Zeitachse. Wir sprachen von früher. Nicht davon, dass alles hätte anders kommen können, ein besserer Beruf, ein nicht erfüllter Traum, ein anderer Partner. Wir sprachen darüber, dass wir unsere ersten Arbeiten im Studium noch auf einer Schreibmaschine tippten. Wir sprachen über Langspielplatten, die damals 17 Mark kosteten und dass CDs sie dann verdrängten und, obwohl sie hundertfach billiger zu produzieren sind, heute 20 Euro kosten. Wir sprachen darüber, wie die Erfahrung, eine Platte nach vier oder fünf Liedern umzudrehen und den Staub aus den Rillen zu wischen, ein Leben bestimmen kann. Vielleicht markieren solche Momente wie dieses Gespräch genau solch eine Umkehr im Leben, eine Art Besinnung, bevor Neues kommt. Aber was wird dann die Generation machen, die es gewohnt ist, nicht nur eine CD mit zehn Liedern, sondern einen i-Pod mit 250 Liedern in Endloswiederholung zu hören? Kann sie einmal innehalten? Und wir sprachen über das Testbild im Fernsehen, das es früher gab. 23.30 Uhr war Sendeschluss. In einer meiner ersten Kurzgeschichten beschrieb ich den Moment, beim Fernsehen einzuschlafen und vor diesem Testbild aufzuwachen, mit dem unterlegten Piepton im Ohr. Unvorstellbar heute. Den Moment völliger Verlassenheit vor dem Testbild haben wir eingetauscht gegen immerwährende Gesellschaft. Fragt sich, was trostloser ist. Das Internet macht Telefonbücher überflüssig und Wikipedia den Brockhaus, auf den wir mal so angewiesen waren, Chat-Rooms den Liebesbrief und das Navigationssystem das Blättern in Karten. Und damit verschwindet auch ein Stück Lebensgefühl. In Frankreich auf einer staubigen Feldstraße oder in Mölln in der Altstadt stehen und sich auf der Landkarte wieder finden, irgendwie ist es wie das Umdrehen einer LP. Ein kurzer Moment der Orientierung, ein Innehalten.
Im Grunde aber weiß ich, dass das alles Altmodisch klingt. Auch i-Pod-Hörer sind romantisch. Als 1748 der erste Unterhaltungsroman – „Clarissa“ von Samuel Richardson - erschien, machten sich die alten Männer ernsthaft Sorgen, dass nun die Jugend verkommt, weil sie zu viel lesen würde. Jede Zeit hat ihre Kultur und Muße und Besinnung entsteht aus ihr heraus.
Plötzlich waren die Kinder da. Sie waren in den Kastanien klettern und an der Au gewesen. Jetzt fragten sie, ob sie Computer spielen dürften. Die Gastkinder hatten einen eigenen Laptop mit und fragten nach dem W-Lan Anschluss und der Key-Nummer. Ich zeigte sie ihnen und dachte, sie würden sie sich abschreiben. Aber das taten sie nicht. Sie zogen ein Handy aus der Hosentasche und knipsten sie, um dann die Nummer vom Foto zu übertragen. Vielleicht bin ich doch altmodisch.