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sh:z vom 24.10.2009


Von Andrea Paluch

Bücherläden. Früher war alles besser, das hört man ja manchmal. Und meistens stimmt es nicht. Aber für Bücherläden gilt es schon ein wenig. Das sage ich als Schriftstellerin, die weiß, dass das Sortiment immer kleiner wird, dass sich der Verkauf auf immer weniger Titel konzentriert, und zwar die Bestseller, und dass Bücherläden immer mehr zu Verkaufstempeln werden, mit Leseecken und Kaffeeautomaten und Vampirpuppen und Stapeln der zugehörigen Bücher, während die schlichten Regale, auf denen man auch schon mal ein zwei Jahre altes Buch entdecken konnte, mehr und mehr der Vergangenheit angehören. Irgendwie werden Buchläden immer mehr zu jenen Kiosken am Bahnhof, in denen man alles von Seife bis zu Gummibären kaufen kann und eben auch Bücher. In solch einem war ich gerade, es ist gleich 23.00 und ich bin auf der Rückreise von einer Lesung in Hannover und werde erst gegen 1.30 zuhause sein. Und meine Müdigkeit diktiert mir diese trotzige Kolumne. Richtige Buchläden liebe ich und besuche sie gern. Diese Kaufhallen kann ich nur mit müder Verzweiflung ertragen. Eben jedenfalls konnte ich mich noch nicht einmal zu dem Kauf eines Taschenbuchs durchringen. Wo ich die breite Auswahl an Büchern noch finde, inklusive eines guten Antiquariats, ist das Internet. Am Anfang hatte ich Skrupel. Trägt doch das Internet ohne Frage seinen Teil der Schuld, dass die kleinen Buchläden nicht mehr da sind. Ich sag jetzt einfach mal, dass ich die Stöbereinkäufe noch immer bei den verbliebenen Läden erledige, aber die Bücher, die ich in Bahnhofs-Hallen-Buchhandlungen einkaufen würde, im www kaufe. Und so muss es offenbar auch anderen gehen. Die Bewertungen, die man dort über die Bücher findet, sind im Grunde dem sehr ähnlich, was ich dort schreiben würde, wenn ich es denn würde. Allein, dass es das gibt, einen demokratischen Austausch, wie man ein Buch gefunden hat und ob der Klappentext hält, was das Buch verspricht, ist eine gute Sache. Tatsächlich wundere ich mich nicht so sehr über die Inhalte, sondern vielmehr über das Dass – dass wildfremde Menschen miteinander in Kontakt treten. Das erfordert ein hohes Verantwortungsbewusstsein bei den Schreibern wie Vertrauen bei den Lesenden.
Bei E-Mails gibt es die Funktion, besonders wichtige Mails mit einem roten Ausrufezeichen zu versehen. Nun sind ja die meisten Mails irgendwie wichtig. Und eigentlich müsste die Versuchung groß sein, ein jedwedes Mail mit einem Ausrufezeichen zu schmücken. Tut aber niemand. Denn das würde ja das ganze System entwerten. Offenbar reicht die private Eitelkeit, sein Geschreibsel als wichtig einzustufen nicht so weit, die Verantwortung gegenüber der lesenden Allgemeinheit aufzugeben. Und das ist eine gute Nachricht, die ausgerechnet aus einer Ecke kommt, aus der man sie am wenigsten erwartet hätte. Das Internet gilt als anonym und fremd und globalisiert und virtuell. Ist es auch. Und trotzdem scheint mir ein Effekt Solidarität zu sein. Das ist eine sehr merkwürdige Sache. Denn die Anonymität bleibt ja. Ich kenne die Leute nicht, die das geschrieben haben, aber ich habe das Gefühl, sie zu kennen. Ich sitze allein vor meinem Laptop – aber ich habe das Gefühl, Teil einer Welt zu sein. Ist das gefährlich? Einerseits sicher ja. Sucht und Einsamkeit werden durch die Computerwelt einfacher. Andererseits – man müsste diesen Effekt nur wieder in die Wirklichkeit zurückholen. Vielleicht wird das Internet dazu führen, dass irgendwann die alten Buchläden zurückkehren, weil die Menschen nicht nur User sein, sondern Solidarität auch jenseits der Informationsverwaltung erleben wollen. Das ist vielleicht nicht besonders wahrscheinlich, ausgeschlossen ist es aber auch nicht.