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sh:z vom 15.03.2008


Von Andrea Paluch

Seit wir Kinder haben waren unsere Urlaube Kinderurlaube. Wichtig war Platz zum Toben, Strände, Ferienhäuser oder Campingplätze mit Spielplätzen. Aber nach elf Jahren Spielplätze, Strände und Einsamkeit auf Skandinaviens Inseln fingen wir Eltern an zu meutern, wie es sonst die Kleinen nach einer langen Autofahrt tun: Nicht noch mal, nicht schon wieder. Doch London, Paris, Rom mit Kindern? Das verbietet sich eigentlich. Aber uneigentlich gibt es eine Stadt, vielleicht keine Großstadt, aber doch eine Weltstadt, die Elternsehnsüchte und Kinderbedürfnisse zusammen bringt: Venedig. Die schöne, verfallende, mythenbestickte Stadt, wo das Leben so anders ist als daheim, wo man im Stehen einen Espresso trinkt, durch schmale Gassen unter aufgehängter Wäsche geht.
Wir fuhren mit dem Nachtzug von Hamburg los. Ein großes Abenteuer für die Kinder, die auch bald tatsächlich schliefen. Ein Moment, in dem das Glück ausatmete und die Eltern mit einer Flasche Rotwein auf die Wiederentdeckung des urbanen Lebens anstießen.
Venedig empfing uns mit strahlend blauem Himmel, die Luft lau im Vergleich zu Deutschland und die Entspanntheit größer als erwartet. Keine Touristenströme mehr, die in die Stadt quollen, kein Geschiebe und Gedrängel am Bahnhof. Das Jahr war schon zu weit fortgerückt, man spürte förmlich, wie sich die Stadt vom Sommer erholte.
Wir wollten die Sehenswürdigkeiten zwar streifen, aber eigentlich waren wir gekommen, um die Kinderstadt Venedig zu entdecken und dabei die Erwachsenen-Träume vom Süden zu nähren. Wir wollten über die nicht beschriebenen Brücken gehen, dafür die Palazzos, Museen und Ausstellungen links liegen lassen. Tintoretto und Tizian würden warten müssen. Wir wohnten mitten im Gassengewirr in einem Haus mit vier Zimmern auf zwei Etagen, mit einfach verglasten Fenstern und Terrazzo-Fußboden, mit Fensterläden und der ersehnten Wäscheleine über der Straße.
Die meisten Urlauber, die nach Venedig kommen, sind Tagestouristen. Abends, wenn sie wieder abgereist sind, ist der Markusplatz fast leer. Und weil an jeder zweiten Ecke ein geflügelter Löwe lauert, weil wir die Kinder vorschickten, den Weg zu finden und sie nach der Schönheit der Brücken gingen und wir immer wieder in Sackgassen und an Kanälen endeten, erreichten wir den Markusplatz erst bei Einbruch der Dämmerung. Die untergehende Sonne ließ die Markus-Basilika golden schimmern, das Caféhausquintett vor den leeren Tischen spielte nicht mehr Vivaldi sondern jiddische Tänze, zu denen nicht mehr Japaner die Fotoapparate klicken ließen, sondern ältere Pärchen anfingen zu tanzen. Es war so romantisch und ehrlich, dass einem das Herz aufging. Die Kinder jagten Tauben und die Eltern nahmen sich bei der Hand. Zurück nahmen wir ein Vaporetto, das Bus-Boot Venedigs. Nachts, wenn die Palazzos am Canale Grande angestrahlt sind, verjüngt sich die Stadt um dreihundert Jahre. Tagsüber ist man irgendwie fast erleichtert, dass Venedigs alte Pracht abblättert, dass der Putz bröckelt, dass Strom, Gas- und Wasserleitungen sich wie dicke Krampfadern außen an den Häusern entlang ziehen. Seine Pracht wäre sonst zu groß, geradezu kitschig. Nachts aber, vielleicht weil man weiß, dass es eine Illusion ist, ist Venedigs Schönheit wunderbar. Dann sehen auch Erwachsene sie mit den Augen der Kinder.