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sh:z vom 22.03.2008


Von Andrea Paluch

Die Sonne braucht lange im Oktober, bis sie ihr Licht in Venedigs enge Gassen schickt. Und so lasen wir den Kindern nach dem Frühstück Cornelia Funkes Buch „Herr der Diebe“ vor, das als Reiseführer für Kinder einen unersetzbaren Dienst leistet. Denn was liegt näher, als nach jedem Kapitel auf die Suche nach den Plätzen zu gehen, wo die Bande um den Herr der Diebe sich herumtreibt. Aufgeregt und gut gelaunt liefen die Kinder vorweg, Kilometer um Kilometer durch das Abenteuer. Und wir sahen: den Rialto-Markt mit seiner Pracht an Obstsorten, Fischstände mit lebenden Krebsen und einem abgesägten Schwertfischkopf, mit Fischsorten, die wir normalerweise der Tiefsee zugeordnet hätten, Schmiede, die Löwenkopftürklingeln herstellten, Bäckereien, in denen vielleicht noch nie ein Tourist war. Venedig hat einen ungeheueren Leerstand und während die Kinder überlegten, in welches Haus der Herr der Diebe wohl als nächstes einbrechen würde, malten wir uns aus, wie es sein könnte, immer hier zu wohnen.
Schon am ersten Tag wollten wir bis zur Gondelwerft auf dem Dorsoduro gehen, landeten aber im ehemaligen Ghetto von Venedig, wo auch heute noch Juden leben. Am zweiten Tag, wie am vierten und fünften, war Aqua Alta, das Hochwasser, das Venedig jetzt immer öfter heimsucht. Die Boote können nicht mehr anlegen, die Brücken sind zu niedrig, die unteren Stockwerke werden überschwemmt. Was ökologisch und stadtplanerisch ein gewaltiges Problem ist, für uns war es ein Spektakel. Man sagt, den echten Venezianer erkennt man an der Plastiktüte, in der er seine Gummistiefel mit sich herum trägt. So waren auch wir ausgerüstet und damit im entscheidenden Kindervorteil, als die Stadt zu einer Riesenpfütze wurde. Tag drei unternahmen wir einen neuen Versuch, zur Gondelwerft durchzustoßen, da entdeckten wir, dass Gondeln nicht nur teure Touristengefährte sind, sondern auch Übersetzungshilfen, die fast nur Venezianer benutzen. Für 40 Cent kann man damit den Canale Grande überqueren. Und plötzlich waren wir ganz woanders, waren wir mitten in einem neuen Labyrinth, folgten ihm und endeten in der Nähe des Arsenals auf dem einzigen Spielplatz Venedigs. Die Sonne schien, die Kinder trollten sich und spielten mit italienischen Kindern Fußball, wir tranken Café Latte und dachten, die Gondelwerft kann nicht schöner sein. Am nächsten Tag wurde es noch wärmer und wir fuhren raus zum Lido, einem Paradies für Muschelsucher und Steinefinder – und abgehärtete Badegäste, zu denen auch unsere Kinder gehörten, während die Eltern sich mondän gaben. Als wir abends das unvermeidliche Eis aßen, erschraken wir fast, als wir feststellten, dass der nächste Tag schon der letzte sein würde. Also noch ein Versuch zur Gondelwerft vorzustoßen. Doch Venedig sieht nicht nur aus wie eine Filmkulisse, es ist auch eine. Brücke links, Biegung rechts und vor mir stand ein Mann, den ich aus dem Kino kannte. Jeremy Irons als Casanova mit Mantel und Haarband grinste mir zu. Wir standen mitten in den Dreharbeiten für eine millionenteure Disney Produktion. Dreihundert Menschen in Kostümen, das übliche Aufnahmegerät, ein Markt mit Hühnerkörben und all dem malerischen Gemüse, das noch immer verkauft wird – die Perspektive und Wahrnehmung der Zeit hatte sich endgültig verschoben.
Zurück im Nachtzug sprachen die Kinder die Gedanken der Erwachsenen aus: Man sollte wieder kommen, vielleicht hier leben. Venedig hat die Verhältnisse vertauscht. Nur die Gondelwerft haben wir nicht gesehen. Und Tintoretto wartet auch noch.