Textversion

Suchen nach:

Allgemein:

Startseite

sh:z vom 05.09.2009


Von Andrea Paluch

Wenn wir früher am Hafen Dorsch kauften, waren die Fische dreimal so groß wie die, die jetzt verhökert werden. Ich trug einmal einen in einer großen Tüte den Berg hinauf zum Auto meiner Mutter. Dem Tier war das Rückgrad zermalt worden mit einem kurzen, heftigen Schlag des Fischers, der mit dem Griff seines Fischmessers gleichzeitig auf Kopf und Wirbelsäule schlagen konnte. Doch auf halber Strecke des Berges begann der Fisch in der Karstadttüte wild zu zucken. Ich erschrak und ließ die Tüte fallen. Der Fisch schlug wie wahnsinnig und mit einer Kraft, die die Tüte vom Bordsteig auf die Straße wandern ließ. Ich stellte mir den Fisch vor, sterbend im Plastiksack, in dem Socken oder Hemden nach Hause transportiert worden waren. Ich hockte mich an den Straßenrand. Ein Auto kam und bremste vor der Tüte. Der Fahrer, ein weißbärtiger Mann mit dickem Bauch, griff sie und stellte sie vor mir ab.
„Was ist?“ fragte er.
„Er lebt“, sagte ich.
„Dann mach ihn tot“, sagte der Mann, stieg wieder ein und fuhr runter zum Hafen.
Jetzt war die Tüte still. Ich griff sie fest. In diesem Moment begann der Fisch wieder zu zappeln, doch ich hielt die Tüte zu und stürtzte hinunter zur Hafen. Ich riss die Tüte auf und kippte den Dorsch zurück ins Wasser, genau vor den Bug des Fischerbootes, wo ich ihn vor einer Viertelstunde gekauft hatte. Der Fischer schüttelte den Kopf und fragte mich, ob ich sie noch alle habe. Der Dorsch trieb mit dem weißen Bauch nach oben an der Oberfläche.
Im nächsten Sommer kaufte ich mir eine Angel und ging nachmittags an einen See. Diesmal gab es kein Zurück. Diesmal wollte ich nicht feige sein. Schon den Haken durch den Hals des Regenwurms zu ziehen, bereitete mir Ekel. Ich musste den Wurm so fest zwischen meine Finger quetschen, dass die Schwanzspitze hervorquoll wie ein Auge. Dann stieß ich den Haken hinein und zog ihn mit einer halben Umdrehung hindurch. Ich war überrascht, wie fest Regenwurmfleisch ist.
Der Ruck in der Angel kam so überraschend, dass ich fast aufgeschrien hätte. Ich kurbelte den Fisch an Land, warf meine Angel weg und versuchte ihn zu fassen, als er schlagend auf der schrägen Uferböschung lag. Kalt war der Fisch, glatt und voller Kraft. Ich konnte ihn nicht mit einer Hand festhalten. Aber ich drückte ihn auf den Boden. Ich nahm den Hammerstiel, zielte auf den Kopf und schlug zu. Aber der Fisch begann nur heftiger zu zappeln. Ich holte erneut aus, schon unsicherer geworden, und traf ihn diesmal nicht. Ich merkte, wie er schwächer wurde und meine Entschlossenheit sank. Ein Echo in meinem Kopf hallte „Versagerin“. Und in diesen Echoraum schlug ich. Ich wollte den Fisch gar nicht treffen, ich wollte durch ihn hindurch schlagen. Die Bewegung unter meiner Hand erstarb. Ich zog ein Messer, zögerte noch einmal. Noch war der Fisch unverletzt. Der Körper war eine Einheit. Es war verboten, ihn zu zerstören. Schwerer als einen Haken in einen Regenwurm zu stechen, war ein Messer in einen Fisch zu stoßen. Das Fleisch war fest und quietschte, als ich es von den Kiemen abwärts auftrennte. Dunkles Blut sickerte auf den Boden. Ein paar Gedärme-Spitzer flogen auf meine Hose. Es stank nach Katzenfutter und eine erste Möwe krächzte über uns. Als die Innereien aus dem Bauch quollen, spürte ich, wie die Spannung des Körpers nachgab. Mit den Fingern leerte ich den Fisch. Plötzlich machte es Spaß. Ich war stolz, meinen Ekel überwunden zu haben. Ich wusste, dass ich töten konnte.