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sh:z vom 25.07.2009


Von Andrea Paluch

Nun haben wir auch so ein Ding. Es hängt in der Windschutzscheibe und kann viele Sprachen. Die werden lustvoll eingesetzt und irgendjemand in meinem Haushalt meint, dass unsere Kinder so ganz einfach Vokabeln lernen würden, wenn ihnen ständig jemand vorsagte „left turn ahead“ oder „take the next exit“. Das kann die Frauenstimme nicht nur auf Englisch, sondern auch auf Französisch, Griechisch, Dänisch und bestimmt zwanzig weiteren Sprachen. Dass sie den Weg von ihrem Satelliten aus so gut sehen kann, wie sie zu tun vorgibt, bezweifle ich hingegen. Die Dorfausfahrten, die sie auch bei „schnellstem Weg“ empfiehlt, spotten jeder Fahrzeitersparnis. Aber geschenkt. Als ich einmal Beifahrerin war, musste ich feststellen, dass nicht nur die Lady aus dem Navigationssystem, sondern vor allem der Fahrer den zu beschreitenden Weg kommentierte. „Ha, das könnte dir so passen!“, „Kein Wort von wahr!“, „Ich zeig dir mal ne Abkürzung!“ – so oder so ähnlich ging es dauernd. Dass er den Empfehlungen der Navigation bei der Ortsausfahrt nicht folgte, das verstand ich noch. Niemand hätte das getan. Lisa empfahl: „Turn around, when possible“. „Vergiss es!“, kam es zurück. Der Streit aber schien ihn nur anzuspornen, andauernd anders zu fahren, als das Navi vorschlug. Ich war plötzlich Teil eines Machtkampfes, eines Mann-Frau-Konfliktes, wie ich ihn selbst mit ihm nie erlebt habe. Besserwisser gegen Computer, Mensch gegen Maschine. Ich wandte nach einiger Zeit ein, dass der Sinn eines Navigationssystems doch wohl auf den Kopf gestellt sei, wenn man es dazu benutzt, ständig andere Wege zu fahren, als es vorschlug. „Vermutlich wird die Fahrzeit jetzt länger als kürzer“, sagte ich. Statt einer Antwort tippte er auf die berechnete Fahrzeit. Sie betrug 37 Minuten. Und nach zwei weiteren trotzigen Verweigerungen waren es plötzlich nur noch 32 Minuten. Und dann begriff ich. Dies war kein Kampf Mann gegen Frauenstimme, es war ein Wettlauf gegen die Uhr. Es war das, was das Auto zur Prothese des Machos macht: Die Geschwindigkeitsfrage.
Dann erreichten wir die Autobahn. Da gab es jetzt keine möglichen Abzweigungen mehr, jedenfalls keine sinnvollen. Dafür aber eine berechnete Fahrzeit zum Zielort von 1 Stunde und 23 Minuten. Das schien mir schnell. Und er wäre vermutlich sehr zufrieden gewesen, in einer Stunde und dreiundzwanzig Minuten am Ziel zu sein. Aber genau diese Ansage spornte auch an, sie zu unterbieten. Und plötzlich fuhr er, wie er sonst nie fährt, ungeduldig und zornig. Nach einer Dreiviertelstunde hatten wir die Zeit um vier Minuten unterboten. Aber ich hatte schweißnasse Handflächen. Und da packte ich das Gerät und zog es von seiner Halterung und verbannte es ins Handschuhfach. Schlagartig beruhigte sich der Fahrstil.
„Ich brauch’s nachher. Ich weiß nicht, wie ich es sonst finde…“, kam ein kläglicher Einwand. Der Süchtige jammert nach seiner Droge, dachte ich. Aber ich wusste auch, dass ich ihm einen Ersatzstoff geben musste, etwas, auf dem er herum denken konnte. Und so sagte ich: „Wenn wir schon den Weg nicht kennen, dann suche ich ihn lieber auf einem Stück Papier statt auf einem Bildschirm.“ Ruhe im Karton. Ich wusste, dass jetzt die Selbstreflexion begann. Irgendwas zwischen Medientheorie und Pfadfindertum. Und als wir den Zielort erreichten und ich die Karte nahm und höflich die Frage kam, ob ich ihn führen würde, wusste ich, dass ich gewonnen hatte. Lisa, Michelle, Brigitte… ihr werdet nie wissen, was ich weiß, nämlich was Männer wirklich wollen.