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sh:z vom 01.03.2008


Von Andrea Paluch

Für die einen ist Ted Hughes der wichtigste und beste englische Dichter nach dem zweiten Weltkrieg. Für andere ist er ein Schürzenjäger, Mörder und Faschist, ein Mann, der Frauen in den Tod treibt. Die einen schauen auf seine Literatur, die anderen vor allen Dingen auf seine Beziehung zu der amerikanischen Schriftstellerin Sylvia Plath. Mit ihr lebte Hughes sechs Jahre zusammen, Jahre, in denen Hughes zum Star am englischen Lyrikhimmel aufstieg und Plath sich von einer Schaffenskrise zur nächsten hangelte, unter ihrem Dasein als Mutter litt, von Hughes betrogen wurde, sich von ihm trennte und schließlich Selbstmord beging, indem sie den Kopf in den Backofen steckte, während ihre Kinder im Nebenzimmer schliefen. Einige Jahre später imitierte die Frau, mit der Hughes Sylvia Plath betrogen hatte, die eher mittelmäßige Schriftstellerin Assia Wellvill, Sylvias Selbstmord, brachte aber diesmal das gemeinsame Kind gleich mit um. Hughes wurde bei Lesungen niedergeschrieen, in Zeitungen beschimpft und zog sich zurück, lebte auf dem Land in Devon, publizierte wenig und lehnte jede Stellungnahme zu Plaths Tod ab, galt als menschenscheu und weltabgewandt, nahm Preise nicht mehr selbst entgegen, war nur noch über seinen Agenten zu erreichen. Als wir mit der Übersetzung von Hughes’ letztem Gedichtband, Birthday Letters, beschäftigt waren, richteten wir einen Brief an eben diesen Agenten, mit der Bitte, ihn an Hughes weiterzuleiten. Uns war die Bedeutung einiger Zeilen nicht klar, kein sprachlicher Berater wusste Rat, so dass die Übertragung ins Deutsche drohte spekulativ zu werden. Birthday Letters ist nicht Hughes stärkstes Buch. Aber es ist das Buch, das, wie die FAZ in seltsam schräger Metaphorik schrieb, „in die literarische Welt wie eine Donner einschlug“. Mit 88 sehr persönlichen Gedichten bricht Hughes sein Schweigen über seine Beziehung zu Sylvia Plath. Das Feuilleton hatte eine Geschichte, gegen die sich der Tod von Lady Diana blass wie eine Vorabendserie ausnimmt. In seinen Geburtstagsbriefen verkehrt Hughes die biologische Logik. Der Geburtstag wird zum Tor für den Tod. Der Tod umgekehrt der Beginn eines neuen Lebens.
Unsere Fragen an Hughes hatten wir im Stil eines Multiple-Choice-Bogens formuliert, um den großen, einsamen Mann nicht zu belästigen. Er hätte bloß die richtige Lösung ankreuzen müssen, mehr wollten wir ihm in seiner tragischen Weltabgewandtheit nicht zumuten. Drei Tage später ratterte unser Faxgerät: „Liebe Andrea und Robert, ich hoffe, euch machen die Birthday Letters ein wenig Freude“, begann der Brief. So beginnt kein verbitterter und böser Menschenverächter. Es folgten sieben eng beschriebene Seiten. Wir antworteten ihm, er wieder uns, wir schrieben uns - Urlaubserlebnisse, kleine Episoden. Es stand im Raum, dass wir ihn besuchten. Dann starb er. In der Nacht vor dem Todestag von Sylvia Plath. Es liegt nahe, diesen Todestag als Fortsetzung oder Vollendung seiner Birthday Letters zu lesen, als Wiedertreffen mit seiner toten Liebe Sylvia Plath. Das Verschmelzen von Leben in Literatur. Aber es fällt schwer, das zu glauben, wenn man den ungekünstelten Dialog mit diesem Mann erinnert. Eine Gewissheit wird es indes nicht geben. Nur noch Gedichte.