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sh:z vom 26.07.2008


Von Andrea Paluch


Wenn man ein Buch liest, entsteht vor dem geistigen Auge ein Schauplatz mit Charakteren. Wenn man dann das Buch verfilmt sieht, ist man oft irritiert oder sogar enttäuscht. So man hatte man sich ihn oder sie doch gar nicht vorgestellt. Ist es ein Buch, das man sehr gemocht hat, das einem viel bedeutet hat, ist das fast Verrat am Glück. Man kann richtig böse werden auf den Film.
Wenn man ein Buch schreibt und eine Figur erfindet, ist das genau so wie beim Lesen. Ein Mensch entsteht vor dem geistigen Auge, man lebt mit ihm, man macht sich ein Bild, man findet Beschreibungen und doch bleibt er eigentümlich vage, bleiben Dinge unausgesprochen. Die Erfindung ist intim, das Lesen ist intim. Niemand kennt die Vorstellungen, die ein Text bei den Autoren oder Lesern hervorrufen. Dass nun eine Figur, die man selbst erschaffen hat – wenn man Schriftstellerin ist – in den Köpfen oder Seelen anderer ein Eigenleben führt, das ist im Grunde gar nicht zu begreifen. Und nur gut, dass jede und jeder sich etwas anderes denkt, obwohl die Beschreibungen ja immer gleich sind. Sonst wäre das wohl fast zu viel an Verantwortung für eine Autorin.
Nun ist ein Buch von uns verfilmt worden, das genau diese Fragen zum Thema hat. Es ist ein kleines Buch, fast eine Novelle, und wie ich finde unser schönstes und persönlichstes. Helene verliert bei einem Unfall ihren Mann, Robert. Aber die Leiche wird nie gefunden. Ein Jahr trauert Helene, dann zwingt sie sich auszugehen. In der Oper trifft sie einen Mann, der Robert aufs Haar gleicht, aber vorgibt, sie nicht zu kennen.
Man muss, wenn man sein Buch als Film sieht, vergessen, wie man eigentlich erzählt hat. Denn der Film erzählt genau anders herum als ein Buch. Der Film muss aus Bildern eine Abfolge in der Zeit schaffen. Das Buch ist zu Papier gebrachte Zeit. Es bildet keinen Raum ab. Im Gegenteil, fast kann man sagen, Literatur erschafft Räume in der Zeit (des Lesens). Und Filme strukturieren Zeit durch Bilder. Der Film muss anders erzählen. Er muss seine Geschichte ohne Sprache darstellen können. Die Sprache, die Dialoge, sie sind eher eine Reminiszenz an das Buch, ein: schau mal, so war es früher. Wenn man das Drehbuch zu unserem Buch liest – ein sehr gutes Drehbuch übrigens – schreckt man manchmal vor der Unbekümmertheit der Beschreibung zurück. Sprachlich gesehen befinden wir uns im Klischee, als Fernsehbild empfindet man es als sehr schön: „An steilen, schroffen Klippen, wie man sie aus Südengland kennt, brechen unter heftigem Donnern hohe Wellen.“ Das möchte man nicht lesen. Aber man möchte es sehen. Das ist der Unterschied.
Helene hat eine Nacht lang Zeit um herauszufinden, wer der Mann ist, der vor ihr steht. Und vor unseren Augen steht plötzlich ein leibhaftiger Schauspieler, der nun verkörpert, was wir uns ausgedacht haben. Und Helene ist eine Schauspielerin, etwas schöner, als ich sie mir vorgestellt habe. Aber ich weiß eigentlich gar nicht mehr, wie ich sie mir vorgestellt habe. Seitdem ich die Bilder kenne, ist meine eigene Erinnerung verschwunden. Das klingt etwas traurig, ist es aber eigentlich gar nicht. Denn damit geht es mir mit meinem eigenen Buch wie Helene. Die Moral der Geschichte ist nämlich: Man muss sich fremd werden, um sich neu zu verlieben. Und die Moral von Kunst und Literatur ist vielleicht, man muss vergessen, um sich neu zu erfinden.