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sh:z vom 24.04.2010


Von Andrea Paluch

„Unter dem Pflaster liegt der Strand“ heißt ein Szenespruch aus den Siebzigern. Und eine linke Zeitung nannte sich nach diesem Spruch „Pflasterstrand“. Sein Sinn war wohl, dass verborgen unter dem Festgefügten, der gepflasterten Gesellschaft, die Freiheit des unberührten, an das Meer grenzenden Lebens liegt. Eine schöne Hoffnung. Und eine, die mich beflügelt hat (bis zu dem etwas merkwürdigen Titel eines meiner Jugendbücher „Unter dem Gully liegt das Meer“). Aber nun, nach dem langen, beinharten Frostwinter, verkehrt sich der Sinn. Die Straßen in den Städten, auf den Autobahnen und auf den Landstraßen brechen auf. Gullygroße Placken fehlen überall, im Moment nur notdürftig mit Schotter zugekippt, auf dass die Stoßdämpfer der Autos überleben. Die erste Verwunderung für mich ist, wie dick der Asphalt ist. Er ist gut eine Hand tief, manchmal tiefer. Die zweite ist die Frage, wo all der Schutt geblieben ist, der ja nun aus den Löchern gebrochen ist. Offenbar hat er sich schon verfahren, ist zu Staub geworden. Und die dritte und eigentliche Sensation ist der Blick in die Löcher selbst. Jedenfalls in den Städten sieht man unter dem Asphalt das Pflaster. Bilder alter Innenstädte tauchen vor meinem inneren Auge auf. Schwarz-Weiß Fotographien von Pferdekutschen. Mir wird klar, wie breit die Straßen angelegt waren, früher, als keine Autos darauf standen und es keine Parkspuren gab. Und all die Ausgrabungen, die ich gesehen habe, in Lübeck den Blick durch die Glasdecke in die mittelalterlichen Ursprünge der Stadt, in Pompeji unter den Schutt und die Asche, sie zeigen die verdeckten Geschichten unter unserer Gegenwart. Welche Schuhe liefen über dieses Pflaster unter dem Asphalt, welche Füße gehörten zu welchen Menschen? Was dachten sie und was hofften sie und wie lange sind sie schon tot?

Nicht, dass ich falsch verstanden werde – auch ich finde, dass die Schlaglöcher schnell beseitigt werden sollten. Auch ich bin schon in ein tiefes Loch geknallt und muss über Land Umwege fahren, weil einige Straßen einfach unbefahrbar sind. Aber ich bleibe an der Frage hängen, was das Material einer Straße über die Menschen aussagt, die sie gebaut haben. So wie es die Eisen-, Bronze- und jetzt vielleicht die Solarzeit gibt. So wie im fossilen Zeitalter Kohle, Gas und Öl gewonnen, transportiert und verbrannt werden mussten, wie erneuerbare Energie aus Wind und Sonne im wesentlichen nur aufgefangen werden muss, wie sich also ein Wechsel von der Aktivität des Förderns zur Passivität des Nehmens vollzieht, so kann man vielleicht auch eine kleine Wesenskunde der Straßenbeläge schreiben. Kopfsteinpflaster als rumpelnde Befestigung, Asphalt als Faktor der Beschleunigung in einer beschleunigten Welt. Dann aber stellen sich mit diesem Winter die Verhältnisse auf den Kopf. Denn die vielen Tempobegrenzungen auf 30 oder 50 km/h, sie alle sind allein dem Asphalt zu verdanken. Kopfsteinpflaster wäre nicht weggefroren. Es wird lediglich überdeckt, seine Geschichte, seine tiefere Lage ist nicht zu leugnen. Unter dem Asphalt liegt das Pflaster. Und darunter dann der Strand mit der Hoffnung auf Freiheit. Klingt fast wie eine Freudsche Analyse der Verdrängung. Etwas ist verborgen und abgeschieden. Aber wenn man es nur lange genug frieren lässt, dann bricht es an die Oberfläche zurück.