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sh:z vom 15.12.2007


Von Andrea Paluch

„Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr“ schrieb Wilhelm Busch vor hundert Jahren und es scheint mir, als hätte er damit nie so Recht wie heute. Nachdem im letzten Jahr kiloweise Bücher über neue Emanzipation und alte Frauenbilder auf den Markt geworfen wurden, sind in diesem Jahr die Väter dran. Die vielen Ratgeber und Lebenshilfen, die die Buchregale fluten, sind allerdings nicht Ausdruck der Stärke des ehemals starken Geschlechts, gar eines patriarchalen Selbstbewusstseins, sondern von Schwierigkeiten und Irritationen. Offenbar hadern viele Männer mit ihrer neuen Rolle als Vater, suchen Rat, sehen sich Erwartungen gegenüber, die schwer zu erfüllen sind. Das ist eine neue Dimension der Debatte. Denn während in der Vergangenheit Konflikte der Väter immer Konflikte waren, die sie mit anderen (Kindern, Frauen, Nebenbuhlern) hatten, haben Väter heute offenbar ein Problem mit sich selbst. Die Herren der Schöpfung sind auf der Suche nach einem neuen Selbstverständnis, sie sind konfrontiert mit Anforderungen und Erwartungen, „gute Väter“ zu sein, und scheitern oft (oder haben das Gefühl des Scheiterns) an den Möglichkeiten, dieses Ideal zu erfüllen. Denn die armen Männer haben ein Problem. Früher war es ausreichend, Geld zu verdienen und seine Familie zu ernähren, um ein guter Vater sein. Heute wollen wir Frauen erstens selbst unser Geld verdienen, zweitens auch Väter, die dei Windeln wechseln, auf dem Spielplatz rumturnen, abends Mensch-ärgere-dich nicht spielen, statt Bier zu trinken. Aber für die armen Väter hat der Tag auch nur 24 Stunden und häufig gibt es wenig Verständnis in den Firmen oder Betrieben, wenn ein Vater sagt, dass er heute pünktlich nach Hause gehen muss, um sein Kind vom Ballett abzuholen. Ein Vater muss beruflich erfolgreich sein, gleichzeitig soll und will er ja meistens auch Zeit mit den Kindern verbringen. Karriere machen und den Abwasch, das ist ziemlich viel verlangt. Neue Herausforderungen spannen das „Konzept Vater“ bis zum Zerreißen an. Die „Samstags gehört Papi mir“ Zeit scheint endgültig vorbei. Papi gehört immer allen. Eine Konzentration nur noch auf eine Tätigkeit ist nicht mehr gefragt. Gefragt ist Multi-Tasking, viele Dinge gleichzeitig machen. Dazu kommt, dass selbst die beste Ausbildung heute nicht mehr Arbeitsplatzsicherheit bedeutet. Selbst Führungsjobs sind permanent durch Kündigung bedroht. Berufswechsel, flexible Arbeitsbedingungen, Projektarbeit, eine prekäre Form von Selbstständigkeit, das alles führt zu einem Lebensgefühl, das neu ist und sich von den Emanzipationsdebatten der Vergangenheit unterscheidet. Frauen und Männer meiner Generation schleppen die Unsicherheit, was aus ihrem Leben wird, als permanent mitschwingenden Modus mit sich herum. Die alten Klischees und Interpretationen von Vaterschaft passen nicht mehr.
Die Väter kämpfen also den Kampf der Frauen um Emanzipation – nur in umgekehrter Richtung. Die Frauen wollen einen gerechten Teil am Erwerbsleben, die Väter eine faire Chance, mit ihren Kindern aufzuwachsen. Das hat nichts mit Weichei oder Hausmann zu tun, sondern mit einer neuen Stärke, gerade, weil das starke Geschlecht Schwäche zugibt. Wir Frauen brauchen diese Väter, um ein gleichberechtigtes Gesellschaftsbild zu verwirklichen, die Väter aber brauchen uns, damit sie Zeit finden, mit den Kindern zu spielen. Und deshalb macht mich ihr Unglück eigentlich ganz glücklich.