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sh:z vom 11.09.2010


Von Andrea Paluch

Irgendwie hab ich es derzeit mit der Beobachtung von Unterschieden zwischen Mann und Frau. Liegt vielleicht daran, dass die letzten Wochen - Ferien mag ich sie gar nicht nennen – uns und unser Leben auf das Wesentliche reduziert haben. Und da die Männer, die ich am besten kenne, um mich herum leben, setzt meine Beobachtung einmal mehr bei ihnen ein. Aber um sie soll es gar nicht gehen. Sie sind nur ein Ausgangspunkt. Nehmen wir den Größten. Dass er ziemlich kochfaul ist, war mir bekannt. Also stellt er sich nicht, wenn er weit nach dem Abendessen nach Hause kommt, hin und raspelt sich einen Salat zusammen oder kocht oder brät, sondern futtert die Reste aus dem Kühlschrank. Dabei stellte ich neulich erst fest, dass er nicht die leckersten oder frischesten zuerst isst, sondern die, die als nächstes schlecht werden würden oder als erstes verderben. Ähnlich geht er beim Frühstück vor. Es mag sonntags Brötchen geben, oft genug von ihm selbst geholt, aber er isst das alte Brot aus der letzten Woche, bevor es zu Stein wird. Da kann ich noch so oft sagen: alt ist es morgen auch noch. Doch die Essgewohnheit wird nicht geändert. Und heute überlege ich, ob ich mich ihr nicht anschließen soll. Ich musste nämlich eben eine ganze Reihe von Lebensmitteln wegschmeißen. Sie haben eine dreitägige Abwesenheit nicht überstanden. Und wenn es auch pathetisch klingt, mein Herz blutete. Ich kenne Menschen, die Jogurts sogar einen Tag vor dem aufgedruckten Haltbarkeitsdatum nicht mehr essen, aus Angst vor Schimmel. Dabei ist das Datum ein Mindest-Haltbarkeitsdatum. Da lob ich mir doch den Restverwerter, der sich darüber immer wieder hinweg setzt. Ich hörte, dass Supermärkte etwa die Hälfte ihrer Lebensmittel wegwerfen, weil sie verfallen sind. Das halte ich für pervers. Allein, es ist nicht nur die Schuld der Supermärkte, es ist ja eine Reaktion auf den Einkauf von uns allen. Und der funktioniert nach einer besonderen Logik: man sieht die leckere Aubergine und denkt an Sonne und Rotwein und kauft sie, man sieht die Pilze und nimmt sie mit, weil man mal wieder Lust auf Pilze hat, man kauft sogar noch ein paar Bio-Möhren, weil man ja eigentlich weiß, dass Bio besser ist. Und dann kommt man nach Hause, schleppt seine Sachen in die Küche und ist so kaputt vom Einkauf, dass man sich erst mal eine Pizza in den Ofen schiebt und all die schönen Produkte in die Gemüsebox packt. Da liegen sie dann, die Lust am Kochen, die im Supermarkt noch unwiderstehlich war, ist weg und schließlich geht alles in die braune Tonne. Ich glaube, man springt zu kurz, wenn man das nur mit einem gestörten Verhältnis zu Lebensmitteln erklärt. Der Grund liegt tiefer. Der Grund ist, dass die Idee vom Kochen das Kochen ersetzt. Und das gilt für anderes auch. Ich kaufe mir tolle Joggingschuhe und fühle mich schon so, als ob ich Sport mache. Dann stehen sie zwar nur im Schrank, aber als ich sie kaufte, da war ich in Gedanken sportlich. Ich kaufe mir ein schickes Kleid, dann trage ich es erst Jahre später und auch nur einmal, aber es erinnert mich an den Urlaub, in dem ich es gekauft habe und an das Glück jener Tage. Und das ist es: Beim Einkauf wird Freiheit simuliert. Da ist alles möglich – ich meine nicht, dass ich mir so vieles kaufen kann, nein, ich kann mich beim Einkauf selbst entwerfen. Nur hält dieser Entwurf eben nicht besonders lange, oftmals eben sogar noch kürzer als ein Verfallsdatum.