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sh:z vom 20.09.2008


Von Andrea Paluch

Früher gab es Butterfahrten und einmal machte ich eine mit. Es war guter Wind, bestimmt Stärke 6. Und das Schiff stampfte gegen die Wellen und die Wellen schlugen zurück. Und der Stahl bebte und der Boden schaukelte und die Leute saßen erst mit käsigem Gesicht an den Tischen unter Deck vor den Ernte-23-Aschenbechern und gingen dann, wenn es nicht mehr auszuhalten war, an die Reling um frische Luft zu schnappen oder sich zu übergeben. Diejenigen, die es nicht mehr schafften, erbrachen sich direkt in die Marlboro-Tüten, in denen die zollfreien Einkäufe verpackt waren. Ich glaube, meine Erinnerung täuscht mich nicht, wenn ich schreibe, dass gelbe Lachen über den Boden verteilt waren und es zum Gotterbarmen stank. Und in diese Stimmung aus Stöhnen und Weltuntergang rief ein fröhlicher Kellner: „Wer will noch ein Krabbenbrötchen?“
(Eine andere, noch ekligere Geschichte erzählt der andere Geschichtenerzähler in meinem Haushalt. Er stellte sich bei einer Butterfahrt kühn an die Reling und ließ sich die Gischt ins Gesicht spritzen. Bis er feststellte, dass in der Gischt feste Stückchen waren. Und als er hoch schaute, standen Leute über ihm auf dem Oberdeck und spieen in die See.)
Ich wurde nicht seekrank. Ich war noch nie seekrank. Und ich habe diejenigen, die es werden, stets belächelt. Und ich weiß nicht, ob es an einem Buch lag, das ich gerade vorher gelesen hatte, kürzlich wurde ich es doch. Das Buch war „Floßfahrt mit Tiger“, ein großartiger Roman, der vor sechs Jahren ganz oben auf den Bestsellerlisten stand und der von einem Jungen und einem ausgewachsenen Tiger handelt, die hundert Tage auf dem Pazifik in einem Rettungsboot treiben, ohne dass der Tiger den Jungen verspeist. Die Rettung des Jungen war, dass der Tiger sehr schnell seekrank wurde und der Junge ihm irgendwie weismachte, dass er mit einer Pfeife den Wellengang bestimmen konnte. Die Angst vor der Übelkeit verhinderte den Angriff des Tigers. Seekrankheit muss wahrlich schlimm sein, existentiell schlimm. (Die Schilderung eines seekranken Tigers, der in seinem Erbrochenen liegt, möchte man sich ausschneiden und immer wieder lesen). Unmittelbar nach der Lektüre des Buches besuchte ich mit meinen Kindern den Kopenhagener Tivoli. Und als gute Mutter wollte ich auch demjenigen meiner Söhne, der noch nicht 1,20 m groß ist, die Achterbahnfahrten und Schleudersitze ermöglichen und fuhr mit. Und während die Kinder quiekend und kreischend die Arme hochnahmen, wurde mir schlecht. Es war nicht besonders schlimm und die Karussellfahrten währten auch nicht lange. Aber es reichte doch auch, dass ich mir plötzlich nichts sehnlicher wünschte, als dass diese Tour endlich enden würde. Mein Körper rebellierte gegen das hoch und runter. Und seitdem ich das erlebt habe, neige ich dazu zu glauben, dass Seekrankheit ist eine natürliche Reaktion des Menschen ist. Er will nicht verschaukelt werden. Er sehnt sich nach Klarheit und was man festen Boden unter den Füßen nennt, das bedeutet in Wahrheit, dass man nicht auf die schiefe Bahn kommen möchte, dass man gerade und auf ebener Erde sein möchte, aufrecht stehen und aufrecht gehen. Und wer könnte dagegen etwas haben. Der Witzbold mit seinen Krabbenbrötchen sollte sich was schämen.