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sh:z vom 01.05.2010


Von Andrea Paluch

„Hier werden die Bürgersteige mit Gold gepflastert“ ist eines der geflügelten Worte für sehr, sehr wohlhabende Gemeinden oder Straßenzüge. Und in diesem Winter, da pflasterten wir die Gehwege mit Salz zu. Streusalz ging aus und die Aktien der Salz- und Kaliwerke verdoppelten und verdreifachten sich. Man konnte mit dem Salzverkauf richtig Geld verdienen – wenn man denn noch welches gehabt hätte. Salz meine ich. Salz ging aus. Plötzlich war es wieder weißes Gold.

In einem vorigen Leben lebte ich drei Jahre lang in Lüneburg. Lüneburg ist die alte Salzstadt. Sie war geradezu auf Salz gebaut. „War“, weil die Schächte und Tunnel unterhalb der Stadt jetzt leer gekratzt sind. Etwa die Hälfte des Stadtgebietes rutscht so langsam aber sicher ab. Durch die Häuser der Freundinnen ziehen sich tiefe Risse. Auf den Tischen kann man keine Murmeln legen und der Kaffee sieht aus, als stehe er schräg in der Tasse. Diesen buchstäblichen Absturz hat sich Lüneburg erkauft: denn die Stadt ist durch den Salzabbau steinreich gewesen. Sogar eine Hansestadt war sie, obwohl gar nicht am Wasser gelegen. Aber über den Elbe-Seiten-Kanal (oder wie immer der Vorläufer damals hieß) wurde das weiße Gold auf die Koggen geladen und dann in die Welt verschifft. Zeitweise war Salz wirklich teurer als Gold.

Eine neue technische Entwicklung und kulturelle Weiterentwicklung machte Lüneburg dann schwer zu schaffen und brach ihr letztlich das Salzgenick. Meersalz wurde gewonnen. Und in einer Art ersten Globalisierung wurde es weltweit verschifft und verschickt. Die großen Schiffe luden Meersalz als Ballast – und damit sanken die Salzpreise in den Keller. Noch immer war das Lüneburger Salz reiner und hochwertiger. Das Meersalz des Atlantiks war stark verunreinigt, oft genug nicht nur von Algen oder Fischen, sondern auch von menschlichen Überresten. Wie man im Salzmuseum in Lüneburg nachlesen kann (oder konnte, es ist schon 10 Jahre her, dass ich da drin war), beklagten sich die Meersalzkunden des Öfteren darüber, dass ihnen Leichenteile, Piratenhände oder -waden entgegen fielen, wenn sie ein Salzfass aufmachten. Salz jedenfalls konnte in Gold aufgewogen werden. Man brauchte es, um Fleisch und Fisch haltbar zu machen und als Genussmittel für den Geschmack. Kühlschränke gab es nicht. Auch das ist vielleicht eine halbe Erinnerung wert, an Tagen, an denen wir über Temperaturen immerfort klagen.

Letztlich aber ist Salz selbst ein Lebensmittel. 5 Gramm braucht ein Erwachsener Mensch täglich. Und heute essen wir viel zuviel davon, weil es als Geschmacksverstärker in Käse und Wurst und überall bereits versteckt ist.

Es auf den Fußweg zu schmeißen, darauf wäre wohl im Traum kein Bewohner des Mittelalters gekommen. Wieso sollte man mit Gold die Gehwege pflastern? Das wäre jedem spätrömisch dekadent vorgekommen. Und tatsächlich streut man, wenn man es genau betrachtet, mit Salz ein Lebensmittel auf die Straße. Ein Luxusverhalten zum Schaden der Natur, der Bäume und Hundepfoten, die im Winter sowieso schon arg leiden. Dieser Winter musste erst acht Wochen lang dauern, bis sich wieder einstellte, was eigentlich normal ist: Dass man im Winter auf Schnee achtsamer geht und langsamer fährt und die Erwartung, dass immer alle Wege gleich abgetaut sind, eigentlich eine überzogene Anspruchshaltung ist. Aber ich wette, im nächsten Winter haben wir es wieder vergessen. Die Salzlager werden aufgefüllt und dass es einmal weißes Gold war, spielt keine Rolle mehr.