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sh:z vom 01.08.2009


Von Andrea Paluch

Michael Jackson ist tot. Das entlockte meinen Kids (ich schreib das mal mit Absicht in diesem Kontext Amerikanisch) noch nicht mal ein müdes Lächeln. Michael wer? Bei uns wird momentan Peter Fox gehört. Aber diese Bildungslücke konnte ich ihnen doch nicht durchgehen lassen. Und so zeigte ich ihnen auf You-Tube eine halbe Stunde lang Michael-Jackson Videos. Die Kids fanden das ganz okay. Am besten vielleicht „Black or White“. Michael tanzt durch sich verändernde Kulturen und singt dabei, dass es egal ist, welche Hautfarbe man hat. Er hat gut reden, dachte ich und klärte die Kids über diesen merkwürdigen Widerspruch zwischen Plastikchirurgie und Popsong auf.
Fast gleichzeitig passierten zwei Dinge, die scheinbar in keinem Zusammenhang zu Jacksons Tod standen, dennoch durch ihn in ein merkwürdiges Licht gestellt wurden. Mit den Pfadfindern feierten wir „Sankt Hans“ oder die „Johannisnacht“ und der neue Pastor erklärte, dass man am Beginn der kürzer werdenden Tage ein großes Feuer entzündet, um mit dem Licht all das Böse wegzuscheuchen, vor dem sich die Menschen fürchten. Denn die Furcht kommt aus der Dunkelheit. Und wir haben Angst vor dem Schwarzen, aber das Licht ist die Hoffnung. Das war eine gute Herleitung. Ich finde, die stärksten Momente in Predigten sind immer die, wenn es gelingt, das Alltägliche mit dem Erhabenen zu erklären, Gott in den kleinen Dingen aufscheinen zu lassen. Aber es gab da einen merkwürdigen Widerspruch, den auch der Pastor an diesem Abend nicht auflösen konnte. Einer der jungen Pfadfinder, von seinen Eltern zum kritischen Mitdenken erzogen, wollte wissen, warum denn, wenn Schwarz die Farbe der Angst sei, der Talar des Pastors schwarz sei. Dass das eine lutherische Antwort auf den Prunk des mittelalterlichen Katholizismus sei, überzeugte nicht wirklich. Immerhin hätte der Umhang ja auch weiß sein können. Gleichzeitig schrieb ich eine Besprechung von Hermann Melvilles „Moby Dick“. Dort gibt es ein Kapitel (Nr. 42) mit dem Titel „Das Weiß des Wals“, in dem Melville über weiße Haie, Eisbären, Albatrosse, Schimmel – ich dachte dabei natürlich sofort an den Schimmelreiter und an das mit dem Pferd verbundene böse Omen - weiße Wale, menschliche Albinos usw. schreibt. Weiß ist für ihn die Farbe des Bösen. Und er erklärt es so: „Dieses Ungreifbare ist es, was dazu führt, dass der Gedanke an die Farbe Weiß, sobald er freundlicherer Verbindungen entkleidet ist und mit etwas in sich Schrecklichem gepaart wird, diesen Schrecken bis zum Äußersten steigert.“ Moby Dick, das sind drei Bücher in einem, Seemannsgarn, Tierkunde und Mythologie. Und das alles gebündelt ergibt eine Moralphilosophie über das Wesen des Menschen. Melville zeichnet das menschliche Wesen zutiefst pessimistisch, voller Leidenschaft und Instinkte. Und so ist „Moby Dick“ ganz sicher eine Parabel. Die Frage ist allerdings, für was? Ist Moby Dick der böse weiße Wal? Oder ist es vielleicht nicht doch Kapitän Ahab, der besessen und böse ist, der seine Mannschaft in den Tod führt im Hass auf den weißen Wal. Ich glaube, es ist die Unentschiedenheit der Moral, der Verzicht auf ein klares Schwarz-Weiß Bild, der die Kraft des Romans ausmacht, seine Vieldeutigkeit, seine Widerständigkeit – auch gegen Interpretationen. Und gilt das nicht auch für Jackson? Soll man Mitleid haben oder ihn verachten? Oder ist nicht Mitleid die verächtlichste Form der Zuwendung?