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sh:z vom 19.09.2009


Von Andrea Paluch

Hier sind Schiffe reihenweise zerschellt. Im Aufgang zum Leuchtturm hängt eine Karte mit den Strandungen. Jeder Punkt ein Untergang. Es sind tausende. Zehntausend genau genommen. Und jeder Punkt steht für Tod und Leid von vielen Menschen und für Familien ohne Vater. Bovbjerg Fyr ist der Punkt an der dänischen Westküste, an dem das Wort „Erhabenheit“ seine Erfüllung bekommt. Unter einem die Steilküste, ins Land genagt von den Sturmfluten, oben der Wind, der einem die Haut austrocknet, die Landschaft flach geduckt vor dem Ansturm aus Westen, am Himmel zerfetzte Wolkenstücke, ein Puzzle, das sich vielleicht binnenwärts wieder zu einer geschlossenen Formation zusammen setzt, zu einem schweren Wolkenhimmel, der einen traurig stimmt. Hier aber ist kein Ort für Trauer. Hier will man hoch hinaus, hier gründet man seinen Pantheismus neu, den Glauben, dass Gott überall in der Natur ist. Und vor allen Dingen ist da das Meer. Endlos. Ewig. Und in der Ewigkeit bewegt. Im Alltag denkt man das Meer immer nur als die Begrenzung des Landes. Automatisch wird es damit zu einem Strich. Aber die Nordsee ist kein Strich, sie mündet in den Atlantik, der küsst den Pazifik. Man muss nicht den „Schwarm“ gelesen haben. Hier vor Bovbjerg begreift man instinktiv, dass alles irgendwie mit allem zusammen hängt. Und das entscheidende Wort ist „irgendwie“. Man ahnt es nur. Wissen kann man es nicht. Wissen will man es nicht. Da ist einiges um so viel größer, als man denken kann. Um so viel tiefer. Und selbst der dünne Strich, der Übergang, die Grenze, ist so voller Urgewalt, ist so ewig und unergründlich in seinem Kommen, Anrollen, Donnern und wieder Abrollen, seit Jahrtausenden, dass man sich klein und verloren vorkommt, allein aufgrund der schieren Dauer der Existenz des Meeres.
In der Brandungslinie sehe ich fünf braune Körper, einer ist groß, vier sind schon gar nicht mehr klein. Meine Zeit vergeht, die Kinderkörper zeigen das Älterwerden an. Die Zeit des Meeres jedoch bleibt sich monoton treu. Die Widersee – das ist ein Wort wie Ewigkeit, es bezeichnet das Rücklaufen des Wassers nach einer Welle und ist, wenn es so etwas gibt, mein Lieblingswort – gibt den Blick auf meine badende Familie regelmäßig frei. Juchzen und Kreischen ist zu hören. Von hier oben ist die Brandung gewaltig. Von unten bestimmt gewaltiger. Wenn die ganz großen Brecher kommen, klammert sich der kleinste Körper an den größten. Auf dem Wellenkamm surfen fünf menschliche Torpedos an Land. Als Mutter will ich nicht wirklich wissen, was die da unten treiben. Jenseits meiner Sorgen könnte man aber dieses Baden als eine Form von Andacht beschreiben. Spielball der Wellen zu sein, von einer Kraft gewürfelt, die größer und ewiger ist als jede eigene, auch die Möglichkeit, jederzeit weit raus gezogen zu werden, die Möglichkeit des Todes, um es auszusprechen, das Ausgeliefertsein und das sich dem größeren Ganzen ausliefern, das ist eine Erfahrung, die einen reicher macht. Vielleicht war das der ursprüngliche Sinn der Taufe. Nicht eine rituelle Reinigung von Sünden, sondern das Unterwassersein, das Ausgeliefert sein, die Grenzerfahrung, dass man vielleicht nie wieder hoch kommt.
Hier kommen alle wieder hoch. Kurze Zeit später stehen sie vor mir, tropfend, die Hüften aufgeschürft, wo die Wellen sie über den Kies des Strandes schleuderten, und jede Welle einzeln aus der Erinnerung beschreibend. „Die, die mich in den Handstand geworfen hat…“, „Die, die gar nicht gebrochen ist….“, „die zwei, die so schnell aufeinander folgten….“ Wellen Namen geben, etwas Vergänglichem, das sich so schnell auflöst und das doch wiederkehrt, verwandelt, gleich und anders, das ist als würde man versuchen, ein Leben aufzuschreiben.