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sh:z vom 11.10.2008


Von Andrea Paluch

Ein paar Benimmregeln gibt es. Auch wenn ich mir – und ich will das weder loben noch verteidigen – bescheinige, dass ich im Vergleich eine tolerante, liberale und vielleicht auch gleichgültig erscheinende Mutter bin. Oder sagen wir so: ich setze andere Schwerpunkte. Dass man am Sonntag frisch frisiert am Frühstückstisch sitzt ist mir weniger wichtig, dass man gemeinsam isst dagegen schon. Ich akzeptiere es, dass die Knie der Jeans meiner Kinder oft zerrissen sind (weil ich es selbst eine zeit lang cool fand, zerrissene Jeans zu tragen), ihre Haare so, wie sie selbst es schön finden (das ist – abwechselnd – entweder ziemlich lang oder gegelt wie Handball- oder Fußball-Linksaußen). Ich mime Toleranz zu ihrer Musik und begegne PlayStations und Computerspielen nicht mit Verboten (obwohl ich es gern manchmal täte), weil ich glaube, dass Kinder am stärksten und am unabhängigsten werden, wenn sie mit Suchtpotentialen umzugehen lernen. Über Religion, Gott und den Glauben wird ernsthaft und kritisch gesprochen, ehrliche Zweikämpfe sind erlaubt, kneifen, spucken, beißen nicht, so wenig wie diskriminierende Schimpfworte (was eine große Bandbreite von Schimpfworten zulässt, die ich schon als extreme Belästigung empfinde). Und man lässt einander ausreden. Und das ist etwas, was weit über das hinaus geht, was Erwachsene miteinander anstellen. Ihre Haare mögen frisierter sein, ihre Sprache gewählter und ihr Glaube sicherer (gefestigt oder verloren), sobald aber ein Telefon klingelt, verlassen die allermeisten die Manieren. Mitten beim Essen springen sie auf, hasten an den Hören und lassen das Mittagsgericht kalt werden, um einen Termin für nächste Woche, den kommenden Besuch der Schwiegermutter, Probleme der Kindererziehung oder den neusten Tratsch der Nachbarschaft zu bereden. Selbst vertraute Gespräche werden abrupt beendet, wenn das Telefon klingelt. In Sitzungen oder Konferenzen greifen sich Menschen, die viel auf ihre Kultur, nicht zuletzt Gesprächskultur, einbilden, wie von der Tarantel gestochen an ihre Jackettasche und rufen, noch während ihr Gegenüber ihnen erklärt, warum dies oder das genau so zu sein hat, ihr „Hallo?“ in den Hörer. In jeder direkten Gesprächssituation wäre das unverzeihlich. Wir würden Freundschaften beenden, Ehekrisen haben und unseren Kindern schlechte Vorbilder sein, wenn sich jemand so verhalten würde. Nur beim Telefonieren ist das alles erlaubt. Es ist erlaubt bei einem Gerät, das nur aus Plastik und Dioden besteht und das kaum persönlich beleidigt ist, wenn man es klingeln lässt. Und auch der Anrufer ist vermutlich tolerant gegenüber der Nichtannahme. Geht doch jeder, wenn er anruft, sozusagen immer das Risiko ein, dass er den anderen nicht erreicht oder er gerade spricht. Kaum wird man wütend, wenn es am anderen Ende besetzt ist, also gesprochen wird. Wenn man aber selbst spricht, live und mit einem Menschen aus Fleisch und Blut, dann gilt das nicht mehr, dann vergisst man alles, was ein normales menschliches Zusammensein sichert. Und das in Zeiten von Anrufbeantwortern, Mailboxen, Rückruffunktionen, wo eigentlich kein Anruf verloren gehen kann.
Eine der Benimmregeln, die ich versuche, meinen Kindern beizubringen, ist das Telefon einfach klingeln zu lassen und ihm nicht mehr Rechte einzuräumen, als jeder Mensch hat. Da bin ich weitaus intoleranter als andere Mütter.