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sh:z vom 23.01.2010


Von Andrea Paluch

Kopenhagen ist die kälteste Stadt, die ich kenne. Das habe ich auch schon einmal literarisch bestätigt bekommen, in Peter Høegs Buch „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“, das allen Kopenhagendemonstranten wärmstens (wenn man das so sagen darf) ans Herz gelegt ist. Die Kälte in Kopenhagen kommt von einer eigenartigen Mixtur aus Luftfeuchtigkeit und Ostwind. Die lässt die Stadt 5 Grad kälter erscheinen, als es tatsächlich ist. (Ich bin mal mit einem Russen getrampt, der aus dem Ural kam. Er sagte, dass es dort bis minus 20 Grad kalt wird, aber die Luft so trocken ist, dass man die Kälte nicht merkt.) In Kopenhagen habe ich ein Jahr lang gelebt – von 1992 bis 1993. Das war das Weichenjahr meines Lebens. Vieles, wenn nicht alles, was heute ist, ist damals entstanden. Und bis heute ist Kopenhagen „meine“ Stadt, gepflastert mit Erinnerungen, getauft mit Bildern. So verfolgte ich die Berichte über den Klimagipfel, die Demonstrationen und Politiker, die Reden, das Nicht-Handeln, das Scheitern mit der Kuriosität einer ehemaligen Augenzeugin. Was machten die alle in meiner Stadt? Was machten die alle mit meiner Stadt? Nun, sie demonstrierten und stritten für kälteres Klima. Politisch ist das überfällig – und Schande über sie, dass sie das nicht begriffen und durchsetzten. Aber für mich waren diese Momente nicht frei von Ironie: Ausgerechnet in Kopenhagen für mehr Kälte streiten! Da waren die Mantelkragen-hochgestellten Spaziergänge am Öresund, da waren die Dauerläufe an den gefrorenen Seen vorbei und als meine Mutter mal zu Besuch kam, ging ich mit ihr die Langelinie raus zur Kleinen Meerjungfrau, klein und kalt inmitten von Eisschollen. Wir lebten in einer Wohnung mit einfach verglasten Scheiben, die morgens von innen gefroren waren. Wenn wir abends noch lasen und für die Uni arbeiteten, hatten wir unsere Mäntel an und zusätzlich waren wir in Decken gewickelt. Wir wärmten unsere Hände über dem Toaster, damit die Finger beweglich genug waren, um zu schreiben. Immer war es kalt, eisig geradezu. Sonntags gingen wir zu den unsäglichsten Matineen, nur weil die Museen warm waren. Dieser Winter gehört zu Kopenhagen. Und so gesehen ist es nun doch wieder folgerichtig, dass der Klimagipfel dort stattfand. Denn wird der Winter abgeschafft, geht vor allen Dingen das Klima der dänischen Hauptstadt, meiner Lieblingsstadt, flöten. Und damit all das, was die skandinavische Weihnacht ausmacht, Gløgg und Nisse, die sich um Milchreis balgen, rote Nasen vor roten Flaggen, Wollmützen, wie sie jetzt wieder in Mode kommen, Juleøl, Æbleskiver. Und auch wenn ich klinge wie meine eigene Großmutter, die immer von den Kriegswintern erzählte, die so kalt waren, dass all das Elend doch irgendwie romantisch klang – die Welt wird wärmer, das ist weder Illusion noch Nostalgie. Und es gibt 1000 Gründe, gegen den Klimawandel vorzugehen, sein Leben zu verändern und die politischen Anreize dafür zu schaffen. Aber es gibt auch einen persönlichen, einen nur für mich: Die Erinnerung an die dänische Kälte. Und so wird jeder und jede sicher Erinnerungen an Kälte und Glück haben, Glühwein im Schnee, Eishockey und Küsse, Flockenrieseln und warme Hände in den seinen, rote Kinderbacken und das Prickeln, wenn der Schnee, der einem in den Kragen geworfen wurde, taut. Und was ich mich frage ist, ob nicht auch die Politiker solche Erinnerungen haben. Und ob sie, wenn sie als Individuen und Menschen angesprochen worden wären, nicht als Staatenlenker, die das Brutto-Irgendwas-Produkt im Kopf haben müssen, Kopenhagen nicht zu einem Ort ihrer Erinnerung gemacht hätten.