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sh:z vom 22.05.2010


Von Andrea Paluch

Die Natur war nicht immer schön oder erhaben. Den Menschen des Mittelalters galt sie als feindselig. Sie vermochten in einem schönen Sonnenaufgang kein Naturschauspiel zu sehen, sondern nur den Beginn eines neuen Arbeitstages. In der Antike, als die Gottheiten noch in der Natur wohnten und ansichtig waren, war das wohl anders und später wurde es wieder anders und ganze Heerscharen von Philosophen versuchten zu beschreiben, warum die Ansicht der Natur die Menschen erhebt, erbaut, verändert. Und dieser Moment der Entdeckung der Natur als schön hat ein Datum. Es ist das Datum, an dem der italienische, besser florentinische, denn Italien gab es damals genau so wenig wie eine schöne Natur, Dichter Petrarca den Berg Mont Ventoux bestieg. Er blickte umher und sah Spektakuläres, sah Höhe und Weite und Licht und das Grau der Berge und das Grün der Bäume wie noch nie zuvor. Und dann – dann blickte er hinab in ein Buch. Und schrieb. Er fasste die Naturschönheit in einen Brief. Besonders viel wird er von der Natur da nicht mehr wahrgenommen haben, denn der Brief ist lang. Es ist fast ironisch, da entdeckt einer die Natur als schön und schaut die ganze Zeit in sein Heft. Das war am 26.04.1336.

Genauso wenig war die Liebe schon immer romantisch. Sie war Zweckgemeinschaft, Bedürfnisbefriedigungsgemeinschaft, Gütergemeinschaft oder auch Schicksalsgemeinschaft. Dass sie Charakter prägend ist, dass sich in ihr und durch sie Menschen als Individuen erfahren und sich als solche zu anderen Individuen bekennen, dass Liebe glücklich macht oder unglücklich ist eine Konvention, eine Erfindung. Auch Petrarca kannte sie schon. Und man könnte ein ganzes Buch darüber schreiben, wie Liebes- und Naturempfindung zusammengehören und die Natur zum Spiegel der Innerlichkeit wurde. Zur vollen Form der Konvention „individueller Mensch“ wurde das Ich erst im sechzehnten Jahrhundert, schön exemplarisch in Shakespeares „Romeo und Julia“ nachzulesen:
Was ist ein Name? Was uns Rose heißt,/ Wie es auch hieße, würde lieblich duften;/ So Romeo, wenn er auch anders hieße,/ Er würde doch den köstlichen Gehalt/ Bewahren, welcher sein ist ohne Titel/ O Romeo, leg deinen Namen ab,/ Und für den Namen, der dein Selbst nicht ist,/ Nimm meines ganz! (II.2)

Was ich zeigen will ist, dass Sprache Wirklichkeit schafft. Das „Selbst“ kann erst in dem Moment anfangen zu existieren, in dem es sprachlich beschrieben wird. In unserem Beispiel unabhängig vom Namen, dafür umso abhängiger vom „Gehalt“, den es dank der Sprache erhält. Romeos Selbst kommt nur in den Blick, weil Julia darüber redet, es überhaupt erst in den Fokus bringt, es erschafft. Das ist aus sprachlicher Sicht der eigentlich bedrückende Hintergrund der Debatte, ob es sich in Afghanistan um einen „Krieg“ handelt oder nicht. Man kann das sicher so oder so sehen. Und ich finde, fast jede Argumentation dafür oder dagegen ist zynisch, weil sie immer die Toten als Argument benutzt. Wer aber will darüber richten, ab welcher Zahl von Toten Krieg herrscht und ab welcher nicht? Und müssen dann die Toten nach Nationalitäten unterschieden werden oder zahlenmäßig mit anderen Katastrophen verglichen werden? Wohin das alles führt, ist nicht klar. Klar ist aber, dass das Wort die Wahrnehmung prägt. Kaum fiel der Begriff „Krieg“, wurden Panzer gefordert und von Helden geredet. Und prompt stellten meine Kinder die Frage nach dem Heldentod. Das ist ein heikles Terrain. Weil, so wie Petrarca die Naturschönheit gewann indem er sie beschrieb, mit dem Kampf um Begriffe immer auch ein Kampf um die Deutungshoheit geführt wird.