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sh:z vom 12.09.2009


Von Andrea Paluch

Vor einigen Jahren erschien unser Buch „Schrei der Hyänen“, ein Afrikaroman. Auf eine erstaunliche Weise kam uns bei der Recherche die Ferne näher als gedacht. Das Buch spielt 1904. Der Stamm der Herero hatte in Südwest-Afrika der deutschen Kolonialmacht den Krieg erklärt. Nach dem missglückten Versuch der deutschen Armee, ihn in einer Vernichtungsschlacht zu beenden, wurden die Hereros in die Wüste abgedrängt. Die Wüste wurde abgeriegelt, alle Wasserstellen besetzt, der Befehl erlassen, keine Gefangenen zu machen. Etwa 60.000 Menschen verdursteten oder wurden ermordet.
Eine der ersten Lesungen aus dem Buch hatten wir im Amsinck-Haus am Deich zur Hamburger Hallig. Wir fuhren die B 5 entlang, die endlos und schnurgerade parallel zur Nordsee verläuft in einer Landschaft, die grün und tiefer gelegt ist. Am Horizont flanierten Kühe vor Windrädern, Schafe auf Deichen. Bis in die 20er Jahre war hier noch Meer. Wir durchfuhren eine alte Schleuse und befanden uns schlagartig in einer anderen Welt. Hier, wo die Orte Pobüll und Bottenschlott und die Menschen Hansen und Feddersen heißen, wo die Höfe reetgedeckt sein sollten und die Mauern aus verwittertem roten Backstein, erhoben sich unerwartet mächtige weiße Gutshäuser mit grünen Dächern, Häuser, die einer Filmkulisse aus einem Caroline Link Streifen entstammen könnten. Ihre Namen lauten Kaltfontain, Karasland, Lüderitzbucht, Keetmanshoop oder Kolmanskoppel. Die Lettern, die diese Namen verkünden, waren in der kaiserdeutschen Schrifttype gesetzt. Es war, als seien wir durch die Schleuse in unser eigenes Buch eingetreten. Es war wie ein Déjà-vu. Denn die Namen der Gutshöfe kannten wir aus den Reise- und Kriegsberichten, von denen es in den zwanziger und dreißiger Jahren so viele in Deutschland gab. Es sind die Namen von Bahnstationen in Namibia. Und auch die Bauweise der Häuser erkannten wir wieder. So sahen die Villen in der Diamantenstadt Kollmanskuppe aus: große Dächer, hohe Wände in Leichtbauweise, riesige Westfronten. Ob das so schlau ist, fragten wir uns. In Namibia herrschen noch im Winter Temperaturen um 30 Grad, hier, in der nordfriesischen Marsch- eher nicht.
Als sich 1904 der Kolonialkrieg gegen die Einheimischen immer mehr in die Länge zog, beschloss das Reichsamt in Berlin den Ausbau der Schmalspurbahn in Südwestafrika, um schneller Truppen transportieren zu. Der Auftrag ging an die Firma Link, bei der der Friese Sönke Nissen, gelernter Zimmermann und diplomierter Ingenieur, in Lohn und Brot stand.
Die neue Bahntrasse führte durch eine großartige und erhabene Landschaft, die Wüste Namib. Dort gab es nur Sand und Sonne, Sonne und Sand. Und in dem Sand lagen Schätze.
Im April 1908 fand ein Bahnarbeiter einen großen Rohdiamanten, den er seinem Vorgesetzten brachte und der zu seinem Vorgesetzten und der schließlich zu Sönke Nissen. Dieser erkannte sofort den Wert und die Chance, die sich auftat: er und alle beteiligten Vorgesetzten erwarben in großer Eile und Lautlosigkeit die Rechte für 40 Schürffelder.
Sönke Nissen wurde vom reichen Mann zum Multimillionär. Und er, dessen Wohlstand einem Gebiet entstammte, das als deutsches Siedlungsland angesehen wurde, stiftete mit einem Bruchteil seines Geldes auch seiner alten Heimat neues Land. Was in Namibia die Wüste war, die es zu bezwingen galt, war hier das Meer.