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sh:z vom 26.04.2008


Von Andrea Paluch


Peter Handke hat ein schmales Büchlein geschrieben, das der „Nachmittag des Schriftstellers“ heißt, eine Nabelschau, die von wenig mehr handelt als von ihm selbst. Peter Handke ist berühmt. Einige sagen, er ist berühmt für seine langweiligen Bücher. Ich würde nicht widersprechen. Wenn man berühmt ist und findet, dass Literatur ruhig langweilig sein kann, dann schreibt man über sich selbst. Ich schreibe in dieser Kolumne auch von mir. Das tun eigentlich alle, die schreiben. Literatur atmet die Persönlichkeit dessen, der sie verfasst. Über-sich-selbst-schreiben ist aber nicht das gleiche, wie von-sich-schreiben. Und um nicht über mich zu schreiben, schreibe ich in dieser Kolumne über Sie, die diese Kolumne gerade lesen. Vermutlich haben Sie eine Tasse Kaffe vor sich stehen, haben den Hauptteil der Zeitung gerade studiert, die Männer vielleicht den Sportteil, die Kinder das Fernseh-Programm, haben vielleicht das Sudoku-Rätsel gelöst, schauen aus dem Fenster und vergleichen das Wetter mit seiner Vorhersage. Es ist Sonntagsfrühstückstimmung. Ein Tag im Garten liegt vor ihnen, vielleicht ein Einkaufsbummel, vielleicht gehen Sie ins Schwimmbad oder ins Kino.
Und während Sie auf der letzten Seite des Journals diese Kolumne lesen, überlegen Sie nicht, dass gerade ein paar hundert oder vielleicht auch tausend Menschen das gleiche tun. Auch ich habe mir das nie überlegt. Wenn man schreibt, stellt man sich immer einen anonymen Leser vor, nur in den seltensten Fällen einen konkreten, aber eben doch eher ein Singular als ein Plural. Dass Sie – wir – etwa gleichzeitig, etwa in der gleichen Situation, das gleiche lesen, ist in seiner Schlichtheit für mich verblüffend erhaben.
Ich habe mir nie klar gemacht, wie viele Menschen diese Kolumne miteinander teilen. Aber die Besucherzahlen auf meiner Homepage, vor allen Dingen aber die vielen Leser-E-Mails sind ein Indiz. Die meisten schmeicheln mir, darüber freue und bedanke ich mich. Einige fragen etwas nach oder steuern eigene Ideen oder Gedanken bei. Das ist großartig. Einige fragen, wie die Kolumnen entstehen zwischen Alltag, Lesereise, nächstem Buch und ob es anstrengend ist, wöchentlich zumindest einen Gedanken zu Papier bringen zu müssen. Ich bin Ihnen allen die Antworten schuldig geblieben. Dafür möchte ich mich entschuldigen. Ich hatte es mir anders vorgenommen und darauf gefreut, jedes Mail, jeden Brief zu beantworten. In dieser Hinsicht habe ich versagt. Aber es ist auch ein bisschen Ihre Schuld, es sind schlichtweg zu viele Mails. Und so, eingespannt zwischen Alltag, Lesereise, nächstem Buch und dieser Kolumne, ist es nicht zu schaffen. Aber eine Antwort möchte ich Ihnen geben: Es ist nicht anstrengend, wöchentlich einen Gedanken zu Papier zu bringen, es macht vielmehr Spaß. Seitdem ich die Kolumne schreibe, sehe ich meinen Alltag anders, achte auf Begebenheit, erinnere mich an die Geschichten hinter den Dingen, wiege Ideen ab, ob sie vielleicht für 3500 Zeichen taugen. So ist um mich herum eine eigene poetische Wirklichkeit entstanden. Und auch wenn ich es nicht schaffe, Ihnen zu antworten, so sind Ihre Mails Teil dieser Wirklichkeit. Dafür danke ich Ihnen!
Aus dem gemeinsamen Lesen dieses Textes ist offensichtlich ein Diskurs geworden. Ein Zwiegespräch, das wir alle miteinander führen, ohne uns zu kennen oder von uns zu wissen. Und das ist, finde ich, zauberhaft.