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sh:z vom 11.04.2009


Von Andrea Paluch

Ich wollte eine Kolumne über Quitten schreiben und darüber, dass sie für mich zu den entbehrlicheren Obstsorten gehört und es Zeit ist, dass es auch mal jemand schreibt. Ich begann – und unter der Hand wurde die Kolumne zu einer anderen. Sie teilte, auf ihre Art, das Schicksal der Quitten.
Der Quittenbaum in unserem Garten ist zweckentfremdet. Als Kletterbaum ist er sehr beliebt und überraschend stabil. Auf dünnen Ästen wippen Kinderbeine. Der Quittenstamm verzweigt sich auf Bauchhöhe und man kann bequem in der Gabel hocken. Vor allen Dingen aber das Holz der Quitte ist einladend zum Klettern. Es ist glatter als Esche oder Eiche und im Sommer verströmt es eine schöne Wärme.
Aber was heißt eigentlich „zweckentfremdet“ bei einer Quitte? Im Herbst leuchten ihre Früchte goldgelb, fast sonnenblumenfarben. Es sieht wundervoll aus. Doch fallen sie runter, vergammeln die Quitten außerordentlich schnell. Auch lagern lassen sie sich schlecht und ihr Faulgeruch zog schon durch so manche Herbsttage, die wir eigentlich auf der Veranda verbringen wollten. Auf einem Markt oder gar im Supermarkt habe ich Quitten noch nie gesehen. Dafür hatten wir einmal ein paar Flaschen Saft auf einem Erntedank-Basar ersteigert und mit entsprechender Zutat waren sie gut trinkbar.
An dieser Stelle brach mein erster Entwurf einer Kolumne ab. Und wer weiß, hätte ich damals weiter geschrieben, was dann aus der Quitte geworden wäre. Aber ich brach ab und setze neu an.
Die Verarbeitung von Quitten ist eine echte Männersache und wird von Männern auch als solche angesehen, als Herausforderung, als Kampfsport. Allein die Quitten zu schneiden, oder besser: zu zerlegen, kostet Muskelkraft und wenn es schief läuft auch den einen oder anderen Schnitt in den Handballen. Und sie zu kochen und ihren Saft für Gelee aufzufangen, ist eine Manscherei, die wenig Ertrag bringt, die Küche wie ein Schlachtfeld zurück lässt und viel schlechte Laune verbreitet. (Wobei das Gelee lecker ist, intensiv schmeckt und leuchtet die wie Früchte im Herbst. Das besondere ist das Zusammenspiel aus Süße, Säure und Fruchtigkeit – und das verbunden zu einem harmonischen Runden.) Wir hängten den Sud in Windeln und diese an Haken und fingen den Saft tropfenweise auf. Weil es aber nicht schnell genug tropfte, presste jemand, der nach dem Einkochen noch Kraft zu haben schien, die Windel zusammen. Tatsächlich lief der Saft nun schneller. Also wurde weiter gepresst, bis der Windelballon explodierte und Küche und Mann aussahen, als wäre die Windel nicht als Sieb gebraucht worden, sondern hätte den ihr zugedachten Inhalt gefasst und wäre einem um die Ohren geflogen. Ein Bild für die Ewigkeit! Quittenmus tropfte von der Decke und vom Kinn.
Aus dem Lexikon erfahre ich, dass die Quitte aus Südosteuropa stammt. Sie hat tatsächlich etwas Steinzeitliches. Dass mir diese Assoziation kommt, liegt vermutlich an der Beschaffenheit der Frucht. Und ich stelle mir vor, wie ein Neandertaler statt einer Birne eine Quitte isst. Tatsächlich konnte man Quitten wohl erst verzehren, nachdem man das Feuer gezähmt hatte. Davor waren sie lediglich frei wachsender Kompost. Dann wurde sie bei den Griechen zum Symbol für Liebe und Fruchtbarkeit. Ich sehe meinen bekleckerten Mann vor meinem geistigen Auge und denke: „Jawoll, ihr Griechen, ich weiß schon, was ihr meint.“