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sh:z vom 18.10.2008


Von Andrea Paluch

In Hamburg lebte ich mit meinem Mann einmal ein paar Jahre in einer wunderschönen Wohnung für so wunderbar wenig Geld, dass wir uns danach genug Mut angespart hatten, um eine berufliche Existenz jenseits einer festen Anstellung zu riskieren. Der Pakt mit dem Eigentümer war, dass wir die Wohnung anstandslos verlassen sollten, wenn das wunderbare alte Haus, in dem sie lag, abgerissen werden würde. Im Grunde hing die Existenz des Hauses an unserer sehr betagten Nachbarin, deren Familie das Haus seit je besessen hatte und die Wohnrecht auf Lebenszeit hatte. Als wir einzogen wurde eben diese auf etwa ein halbes bis ein Jahr geschätzt. Der alten Dame war die Abmachung durchaus bekannt und ihre Einstellung dazu eher widerständlerisch. Und zusammen mit der gute-Schwiegersohn-Mentalität meines Mannes, meiner Bewunderung für die alte Dame und ihrer stabilen gesundheitlichen Verfassungen wurden aus einem halben fünf Jahre. Der andere Faden, an dem die Existenz des Hauses hing, war unsere Nachbarin zur Linken. Die hatte zwar kein Wohnrecht auf Lebenszeit, aber doch so berechtigte Ansprüche, dass der Eigentümer sie nicht gegen ihren Willen zum Auszug bewegen konnte. Nun hatte diese Nachbarin leider ein paar nicht besonders soziale Gewohnheiten. Eine der harmloseren war, dass sie ihr Altglas so ungeschickt hinter ihrer Wohnungstür aufstapelte, dass jedes Mal, wenn sie die Wohnung verließ, sämtliche Flaschen wie alle Neune durch das Treppenhaus schepperten. Eine weitere war, dass sie regelmäßig gegen zwei Uhr nachts ihre Bude verließ (und dabei die Flaschen umschmiss). Zuvor allerdings musste sie sich warm tanzen. Und das tat sie ab halb eins zu aufgedrehter Musik. Schließlich begann sie Bongos zu üben. Da das Haus alt und die Wände einfach gemauert waren, direkt auf die durchlaufenden Dielen gesetzt, konnte man jeden Schritt, erst Recht jede Bongotrommel aus ihrem Zimmer hören. Ja, man konnte sogar den Rauch der Zigarette von nebenan unter der Wand hindurch riechen.
Eine Zeit lang nahmen wir das alles so hin. Wir waren neu in Hamburg und wollten nicht spießig sein, oder so ähnlich diskutierten wir das wohl. Dann kamen die Bongos und unsere Prüfungen. Und schließlich lagen meine Nerven blank. Ich war übernächtigt und jedes Mal wenn die Flaschen polterten, glühten meine Synapsen.
Und so ging ich, als ich nicht mehr leiden konnte, nachts hinüber und bat sie, die Musik etwas leiser zu stellen. Sie fuhr mich an, dass ich sie nicht belästigen sollte. Sie schmiss die Tür zu, die Flaschen fielen um. Fassungslos stand ich vor ihrer Tür. Was soll man tun, wenn Menschen sich so verweigern? Am Morgen schrieb ich ihr, dass sie doch genau wisse, dass die Hausverwaltung nur auf solch einen Anlass wartete, um sie vor die Tür zu setzen und ob wir es nicht hinkriegen könnten, gedeihlich miteinander auszukommen. Ich schob den Brief in ihren Kasten. Schritte. Dann krachte die Musik aus ihren Boxen in voller Lautstärke los. Sie schmiss die Tür hinter sich zu und wir bekamen 48 Stunden Vollbeschallung. Und ich fand mich plötzlich in der Rolle der bösen Nachbarin wieder, die vor Gericht geht. Und es kam, wie es kommen musste.
Jahre später erhielten wir Post von dieser Nachbarin. Der Brief kam aus Kanada oder Australien und erreichte uns über diverse Umwege. Darin entschuldigte sie sich für jene Episode vor vielen Jahren. Und zwar deshalb, so schrieb sie, weil ihr Psychiater ihr das geraten habe. Der Arme, dachte ich.