Textversion

Suchen nach:

Allgemein:

Startseite

sh:z vom 24.05.2008


Von Andrea Paluch

Die Idee, dass die Menschen nach dem für sie besten Leben streben, steht ganz am Anfang der abendländischen Philosophie. Für Platon und Aristoteles war klar, dass alle Menschen auf der Suche nach dem Glück sind. „Glück“ ist dabei ein durchaus schillernder Begriff. „Glück“ bezeichnet einmal den glücklichen Zufall, die Fügung, den Moment, der einem unverschuldet oder unverdient in den Schoß fällt. Wir sagen: „Glück gehabt!“ und meinen Lottogewinne, gutes Wetter, oder dass wir verlorene Handys nach zwei Stunden unter der Parkbank wieder finden. Die deutsche Sprache ist da merkwürdig unscharf. Im Englischen wird dieses Glück „luck“ genannt im Unterschied zu „happyness“, im Lateinischen wird zwischen „fortuna“ und „felicitas“ unterschieden und auch im Altdeutschen gab es noch die Trennung zwischen „heil“ (Geschick) und „salig“ (gut, segensreich). Jeweils letzteres meint stets das ganze Leben, etwa wenn wir von einem erfüllten, reichen, guten Leben sprechen. Die Grenze zwischen beidem ist eine der Intensität und der Dauer. Ein „gutes Leben“ muss nicht notwendig durch permanentes Hochgefühl gekennzeichnet sein (wenngleich es völlig ohne glückliche Fügungen kaum ein gutes Leben sein wird), das Glück im Sinne des Zufalls ist oft flüchtig (während ein gelingendes Leben eher nach der Gesamtheit seiner Dauer betrachtet wird). Der griechische Begriff für solch ein gelingendes Leben ist Eudaimonia. Nach Aristoteles kann der Mensch durch tugendhaftes Verhalten, durch Tüchtigkeit und Wahrung eines gewissen Maßes in allen Dingen ein solches Leben selbst gestalten. Dass eine solche Eudaimonia schwer verallgemeinerbar ist, dass sie sich kaum auf einen Nenner bringen lässt und immer die Inhalte der jeweiligen Umstände berücksichtigen muss, macht dieses „gelingende Leben“ für die großen Systemphilosophien der Aufklärung im achtzehnten Jahrhundert schwer verdaulich. Eine Begründung der gesellschaftlichen Regeln auf den Glück-Vorlieben der Menschen schien nicht nur unmöglich, sie schien sogar gefährlich. Denn wie sollte Allgemeingültigkeit auf so etwas Wackligem wie Glück basieren können? Das einzige, was man garantieren konnte, war die Freiheit, dass jeder – innerhalb der moralischen Grenzen - seines Glückes Schmied sein sollte.
Vor allen Dingen war es Immanuel Kant, der sich weigerte ein Ziel, das so individuell unterschiedlich sein kann wie das jeweils für ein Individuum günstige Leben, als Maß aller Dinge anzunehmen. Stattdessen fragte er, was ein moralisch gutes Leben denn ausmachen müsse und wie es zu bestimmen sei. Kant setzt an Stelle des Glücks die Pflicht. „Die Ehrwürdigkeit der Pflicht hat nichts mit Lebensgenuss zu schaffen“, schreibt er und hebt hervor, dass Gerechtigkeit gelten müsse – ganz unabhängig davon, ob sie dem eigenen Glück zuträglich ist oder nicht. Er geht sogar noch einen Schritt weiter. Gerade der Verzicht auf Lust, Befriedigung oder eigenen Vorteil ist ein Zeichen von moralischer Stärke.
Innerhalb des moralischen Korsetts der Imperative des „Du sollst nicht....“ und „Handle stets so....“ ist selbstverständlich nicht jedes Glück ausgeschlossen, doch es wird erstens nicht mehr als Ausgangspunkt der Überlegungen genommen und zweitens auf eine eher abstrakte Art sublimiert. Auch wenn das Leben unglücklich verlaufen ist, durch eine hohe Moralität gewinnt es Würde und Ansehen. Kaum verklausuliert spricht aus diesen Sätzen die christlich-protestantische Ethik des Entsagens, Leidens und Verzichts.