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sh:z vom 31.05.2008


Von Andrea Paluch

Indem Philosophen sich von der antiken Theorie des Glücks und des gelingenden Lebens lossagten, beraubten sie sich aller Möglichkeiten, eine positive Motivation für moralisch gutes Handeln zu schaffen. Denn warum soll ich denn eigentlich nicht töten, rauben, mir nehmen, was ich will, wenn es meinen Interessen dient? Die Antwort darauf kann nun nur noch formal, quasi inhaltleer, erfolgen: „Weil du ja auch nicht willst, dass du beraubt wirst.“ Aber für einen Tyrannen ist das letztlich kein Hinderungsgrund, grausam zu agieren. So sah sich Kant gezwungen, nachdem er Gott in der „Kritik der reinen Vernunft“ widerlegt hatte, ihn mit der „praktischen Vernunft“ wieder einzuführen, um ein himmlisches Korrektiv zu installieren. Da es nicht mehr gelang, die Moral mit irdischen Argumenten zu stärken, mussten es überirdische sein – die Belohnung oder Verdammnis im Himmel als Droh- bzw. Anreizpotential. So verabschiedete sich die Philosophie der Neuzeit immer mehr von der Frage, worauf moralisches Handeln eigentlich zielte und vertröstete mit Antworten aus dem Jenseits. Dabei hat die Frage, ob bestimmte Entscheidungen meinem Leben zuträglich sind oder nicht, moralisches Gewicht. Und ich würde hinzufügen: Gott sei dank. Das blindwütige Befolgen irgendwelcher Normen oder Vorschriften, das unhinterfragte Überwinden aller Widerstände, die dem normierten Ideal im Wege stehen, hat die Welt kaum besser gemacht.
Der zweite Konstruktionsfehler der abstrakten Systemphilosophie ist, dass sie vorgaukelt, Probleme ließen sich durch einfache Antworten erklären. Akzeptiert man die abstrakte Gerechtigkeitsforderung Kants, sind verschiedene Antworten denkbar, was diese Gerechtigkeit herstellen kann. Für Kant selbst war es das moralische Tun des Individuums in der Nachfolge Christi. Für Karl Marx war Gerechtigkeit zu erreichen, indem alle ihren Anteil an den Produktionsmitteln erhielten. Friedrich Nietzsche schrieb schäumende Gegenentwürfe zu Kant und forderte, das Leben als Spiel zu begreifen, als großes Lachen über den Welternst – formal bestätigte er damit jedoch genau Kants Argumentation, dass es eine Antwort auf die Frage nach dem gibt, was gerecht ist. Freud analysierte die Lust als Antrieb des Menschen und seine Schüler verwarfen alles als ungerecht, was die sexuelle Lust behindert. Für Martin Heidegger war die Kontemplation des Todes die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. Moral, Arbeit, Spiel, Lust, Heimat – keine dieser Antworten kann alleinige Gültigkeit beanspruchen. Und das ist die Einsicht aus 200 Jahren philosophischem Bemühen, Gerechtigkeit abstrakt zu definieren: Was das Leben ausmacht, ist gerade die Spannung zwischen verschiedenen Antworten und Entwürfen, von denen der Anspruch auf ein persönlich zufrieden stellendes Leben und dem Wissen, dass jeder Mensch entsprechendes ebenfalls wünscht, der wichtigste ist. Dass es Kollisionen von gegensätzlichen Vorstellungen gibt, ist dabei bewusst eingerechnet. Im Unterschied zur himmlischen Gerechtigkeitsvorstellung ist die Idee eines gelingenden Lebens höchst irdisch. Sie vertagt seine Lösung nicht auf die Zukunft und ist dementsprechend auch nicht bereit, die Gegenwart nur als Mittel für einen höheren Zweck, quasi als Durchgangsstadium zu begreifen, sondern als spannungsreiches, aber zu bejahendes Jetzt, in dem wir leben und in dem wir Verantwortung haben. „Verantwortung haben“ bedeutet aber, Konflikte zu sehen und nicht zu leugnen.