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„Ein in die Zeit gehängtes Netz“

Die letzte Kolumne


Von Andrea Paluch

Dies ist die letzte Kolumne. Zeit, Abschied zu nehmen, jedenfalls für eine Weile. Zeit, traurig zu sein? Nein, nein. Blicke ich zurück, kann ich kaum fassen, dass es drei Jahre geworden sind, in denen ich Sie allsamtsaglich etwas unterhalten durfte.

Als ich diese Kolumne begann, da hatte ich mir so einen Zeitraum von etwa einem halben Jahr vorgestellt, den ich durchhalten würde. Und ich hatte keine rechte Vorstellung, was aus ihr werden würde und wie sie sich entwickeln würde. Sie hätte den Weg ins Literarische stärker gehen können, sie hätte gelehrter werden können oder politischer oder, oder, oder. Sie ist geworden, was sie geworden ist: eine Auseinandersetzung mit meinem Alltag. Und dass Sie den mit mir geteilt haben, dass erfüllt mich mit Dankbarkeit. Ich konnte meine Sicht auf die Dinge darstellen, mich so weit von ihnen entfernen, dass genug Raum für meine Person entstand, und blieb doch so nah an ihnen, dass der eine oder die andere ihre Welt gespiegelt fand. Ich musst nicht streng wissenschaftlich sein, ich konnte einen Gedanken auch mal kreisen lassen, manchmal überraschte ich mich selbst.

Als ich das erste Mal einen Aufsatz von Theodor W. Adorno las, da dachte ich, okay, sagt mir seine Adresse, dann sag ich ihm mal Bescheid. So ein verklausuliertes Deutsch. Aber Adorno war schon verstorben und ich gewöhnte mich an die Einsicht, die mindestens deutsche Philosophen gepachtet zu haben scheinen, dass schwere Gedanken auch eine schwere Sprache nötig machen. Ein kleiner Aufsatz von Adorno heißt „Der Essay als Form“. Kleine Kostprobe, damit Sie sehen, was ich Ihnen alles nicht geboten habe (und wie gut Sie es mit mir hatten):

„Der Essay aber will nicht das Ewige im Vergänglichen aufsuchen und abdestillieren, sondern eher das Vergängliche verewigen. Seine Schwäche zeugt von der Nichtidentität selber, die er auszudrücken hat; vom Überschuß der Intention über die Sache und damit jener Utopie, welche in der Gliederung der Welt nach Ewigem und Vergänglichem abgewehrt ist. Im emphatischen Essay entledigt sich der Gedanke der traditionellen Idee von der Wahrheit.“

Und Wolfgang Koeppen nennt den Essay „Ein in die Zeit gehängtes Netz“. Das ist schön. Und ich würde mich freuen, wenn meine Kolumne ähnlich funktioniert hätte. Solche kurze Form ist in der hochgebildeten deutschen Tradition verpönt. Ganz anders im Angelsächsischen, dessen literarischer Pragmatismus mir um so vieles besser gefällt. Da kann hohe Literatur auch unterhalten. Hier ist – jedenfalls „war“ – die Mischgattung immer Grund für den Verdacht, das Subjekt (Adorno!), also ich, sei noch nicht fertig.

Nun, das bin ich nicht. Nicht mit mir, nicht mit meinem Leben – und auch nicht mit den Kolumnen. Ich mach nur erst mal eine Pause. In dieser Pause werde ich die besten der Kolumnen als Buch herausgeben. Es wird im Ellert & Richter Verlag erscheinen. Also eine kleine Kreativpause. Die ist auch angesagt. Eines nämlich habe ich völlig unterschätzt: Wie sehr das Kolumnenschreiben auch auf meinen Alltag durchschlägt. Ich meine damit nicht den wöchentlichen Rückzug. Das ist der Alltag, dass ich schreibe. Ich meine die Veränderung meiner Wahrnehmung. Ich laufe durch die Stadt, das Haus, das Land und sehe lauter Dinge und prüfe sie darauf hin, ob man über sie schreiben kann. Ich freue mich darauf, einmal wieder zweckungebunden zu leben. Und außerdem wartet ein Roman darauf, geschrieben zu werden. Den ersten alleine, nachdem mein Mann sich in die Politik aus dem Staub gemacht hat. Was bleibt? ein Abschiedsgruß! Bis bald! Moin!

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